> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Paulus op.36
Dienstag, 19. November 2019

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Paulus op.36

Undramatisch bekehrt


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frieder Bernius hat eine farbige, aber sehr undramatische Aufnahme des Paulus vorgelegt. Nichtsänger werden sie dennoch mögen.

Es wird bei diesem ‘Paulus’ zwei Sorten von Hörern geben. Natürlich, da sind immer diejenigen, denen etwas gefällt und diejenigen, denen etwas nicht gefällt. Hier liegen die Dinge jedoch etwas komplizierter. Es wird diejenigen geben, die das Werk Mendelssohns bereits selbst gesungen haben, im Oratorienchor, riesenhaft besetzt, dramatisch, ergriffen von den ‘Steiniget ihn’-Stellen. Und es wird diejenigen geben, die es noch nicht gesungen haben. Sie werden mit der Interpretation durch Frieder Bernius und dem Kammerchor Stuttgart und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mehr anfangen können.

Geistliche Erbauungsmusik

Bernius hat über viele Jahre an Mendelssohns Musik gearbeitet. Alles schien er aufgenommen zu haben, jedes randständige kleine Kirchenwerk. Doch die großen fehlten noch: Paulus und Elias. Bernius’ Paulus ist anders als die Aufnahmen von Herreweghe, Rilling oder gar Dirigenten von Sinfonik wie Masur. Es fehlt ihm der emphatische Zugang zu dieser bekannten Geschichte aus der Bibel. Die Wandlung von Saulus zu Paulus, das Stephanus-Erleben, das alles geschieht bei Bernius als geistliche Erbauungsmusik, aber nicht als geistliche Oper. Dabei ist der Kammerchor Stuttgart hervorragend disponiert, die Stimmen klingen ausgewogen, vibratoarm und durchsichtig. Das Drama aber, es steht uns nicht einmal in den ‘Steiniget-ihn’-Stellen vor Augen. Der Vorwurf, der Mendelssohn oft traf, er habe Bach hinterher komponieren wollen, trifft ihn hier sicher nicht. Bach ist dramatischer. Aus diesem Grund werden Nicht-Sänger diese Aufnahme eher schätzen, den Sängern wird sie zumindest anfangs schlicht zu undramatisch sein.

Schlanker Orchesterklang

Auch die Besetzung des Orchesterparts mit der Kammerphilharmonie Bremen löst zwiespältige Gefühle aus. Zum einen schillert die Partitur in ungeahnten Farben, manche Nebenstimme war so noch nie zu hören. Die Tontechnik hat sich diesem Vielklang ebenfalls freundlichst angenommen. Dennoch klingen die wenigen Streicher in der Fuge der Ouvertüre einfach dünn. Auch hier muss man sich erst vom Gewohnten aus der benachbarten Kirchenkantorei verabschieden, um diesen schlanken Ton als Gewinn zu empfinden.

Die Solistenleistung ändert an dem bisher geschilderten Eindruck nichts. Maria Christina Kiehrs Sopran ist äußerst zart, einfühlend und schmeichelnd. Nur an einigen Stellen wirkt er beinahe müde und klingt nasal (z.B. ‘Doch der Herr vergiss die Seinen nicht’). Auch Michael Volle hält sich als Bass an Bernius’ Vorgaben. Wenn er vom Zorn singt, dann zischt und zürnt er nicht wirklich. Dagegen ist Werner Güra noch ein relativ dramatischer Erzähler.

Frieder Bernius hat keinesfalls eine langweilige Aufnahme vorgelegt. In ihrer ungewöhnlich unemphatischen Herangehensweise an ein Stück, das man zu kennen glaubte, ist sie lediglich gewöhnungsbedürftig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Paulus op.36

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
2
01.05.2007
123:49
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4009350832145
CV 83.214


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Interpret(en):Volle, Michael


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"Sein erstes Oratorium „Paulus“ komponierte Mendelssohn unter dem Eindruck der von ihm selbst geleiteten Wiederaufführung von Bachs „Matthäuspassion“ (1829). Das Oratorium op. 36 war zu Mendelssohns Lebzeiten wohl sein beliebtestes Werk, welches in ganz Europa zahlreiche Aufführungen erlebte. Robert Schumann lobte sein „unauslöschliches Colorit in der Instrumentation“ und sein „meisterliches Spielen mit allen Formen der Setzkunst“ und beschrieb es als „Juwel der Gegenwart“. Die CD erscheint als Fortsetzung der preisgekrönten Reihe mit der geistlichen Chormusik von Mendelssohn in Interpretationen von Frieder Bernius. Ausgeprägte eigene Klangvorstellungen von Bernius und eine meisterhafte Surround-Aufnahme machen diese SACD/CD zu einem Muss für alle Liebhaber romantischer Chormusik."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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