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Montag, 24. Juli 2017

Schumann, Robert - Späte Klavierwerke

Himmlische Schumann-Interpretationen


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tobias Koch gelingt mit dieser Einspielung eine restlos überzeugende, unglaublich spannende Schumann-Deutung, die aus der Klangfarbenvielfalt der alten Instrumente geboren scheint. Wunderbar!

Tobias Koch ist kein unbeschriebenes Blatt mehr im internationalen Musikleben. Vor allem durch seine Aufnahme der Klavierwerke Norbert Burgmüllers und seine hinreißende Einspielung der Werke für Violine und Klavier von Robert Schumann zusammen mit Lisa Marie Landgraf konnte Koch von seinen Qualitäten im romantischen Repertoire überzeugen. Die vorliegende Platte bietet ‘Späte Klavierwerke’ Robert Schumanns. Dabei greift er – wie auch bei den erstgenannten Veröffentlichungen – auf Instrumente der Entstehungszeit zurück: Ein Genuss, der kaum zu übertreffen ist!

Liest man das von Tobias Koch selbst verfasste Booklet, so mag der Eindruck aufkommen, hier werde ein wenig Instrumenten-Fetischismus betrieben wie man ihn aus den Anfängen der Historischen Aufführungspraxis kennt (damals, als man noch glaubte, wirklich ‘authentische’ Aufführungen rekonstruieren zu können, wurden die ‘Originalinstrumente’ zu einem solchen Fetisch erhoben). Doch bei dem gelehrten Musiker Koch zielt die Bemühung um ein Klangbild, das auf historischen Informationen beruht, in eine andere Richtung. Ihm geht es vielmehr um die wohl beste Möglichkeit, Schumanns Klavierwerke heute, in unseren Tagen, einem neugierigen Publikum zu präsentieren (ohne das Historische ins Zentrum zu stellen). Getragen ist dieses Interpretationsideal von der Überzeugung, durch die Verwendung alter Instrumente die klangliche Vielfalt viel schillernder deutlich machen zu können. Und das ist zweifellos der Fall, wie diese unglaublich gute Aufnahme beweist. Was Tobias Koch hier vorstellt, ist eine Schumann-CD wie man sie nur äußerst selten zu hören bekommt: spannend, interessant, überraschend, himmlisch (klang-)sinnlich.

Das Rätselhafte

 

Tobias Koch benutzt für einen Großteil der Aufnahmen einen Flügel aus der Firma Klems. Robert und auch Clara schwärmten in ihrer Düsseldorfer Zeit für den eigentümlich dunklen, sonoren Klang dieser Konzertflügel. Das Aufführungskonzept, für die späten Klavierwerke einen solchen Klems-Flügel einzusetzen, von dessen Klangreichtum Schumann während der Arbeit an eben diesen Werken begeistert war, erscheint also restlos überzeugend. – Vor allem, wenn sich dadurch eine völlig neue, ungleich intensivere Wirkung einiger dieser Werke ergibt, etwa bei den ‘Gesängen der Frühe’ op. 133. Tobias Koch bezaubert im ersten Stück mit einer Fülle an Farbschattierungen; das ist nicht nur Folge der Instrumentenwahl (die an sich schon Gold wert ist), sondern vor allem Ergebnis einer Interpretation, die das Potential an Überraschungen, harmonischen Seitenwegen und dynamischen Kontrasten gekonnt in einen betörend dunklen Klang umsetzt.

Ein Übriges trägt die historische Stimmung (Kirnberger-III-Temperatur) dazu bei, die spezifische Farbvielfalt der Harmonik herrlich zur Geltung zu bringen. Das Rätselhafte der späten Klavierwerke Schumanns wird hier zum Teil gemildert, weil klar wird, wie viel Klangsinnlichkeit selbst in der waghalsigen Kontrapunktik etwa in den ‘Sieben Clavierstücken in Fughettenform’ op. 126 stecken – die man auf einem modernen Flügel nicht annähernd so farbig gestalten kann. Zum anderen werden diese Werke noch rätselhafter, weil ihnen durch den unvergleichlich reicher schattierten Klang und die hohe pianistische Kunst Tobias Kochs eine zusätzliche Fülle an Ausdruckspotential zukommt. Der Pianist behandelt hier sein Instrument mit einer Delikatesse, die seinesgleichen sucht. Mal umhüllen perlende Begleitfiguren zart hervortretende Spitzentöne, aus denen sich pastellhaft eine Melodielinie ergibt (‘Drei Fantasiestücke’ op. 111), mal lässt er die kontinuierlichen Punktierungen rauschend donnern wie im dritten Stück der ‘Gesänge der Frühe’. Dabei orientiert sich Koch scheinbar stets an den klanglichen Möglichkeiten und individuellen Eigenschaften seines Instruments, um jede Nuance der kostbaren Stücke durch pikfeinen Anschlag, klar disponierte Dynamik und behutsam eingesetzte Agogik wunderbar zum Klingen zu bringen, dabei stets den großen Bogen wahrend und die Dramaturgie der Form unterstreichend.

Klar, silbrig und aufnahmetechnisch phänomenal

Für die ‘Zwei Choralsätze’, komponiert kurz vor Schumanns Tod in der Endenicher Anstalt, das bezaubernde Geburtstagsständen für Clara ‘Die Orange und Myrthe hier’ für Vokalquartett und Pianoforte und einige Stücke aus dem ‘Klavieralbum für die Jugend’ op. 48 setzt Koch ein Tafelklavier der Firma Klems ein, das vor allem den Auszügen aus dem ‘Klavieralbum an die Jugend’ ungeheuere klangliche Valeurs verschafft: Der silbrige, klare Klang bekommt den Stücken mehr als gut. Abgerundet wird diese begeisternde Aufnahme mit drei Balladen-Vertonungen, die von Peter-Christoph Runge eindringlich deklamiert werden. Auch wenn die heutige Ästhetik von solch romantischer Gefühlswelt meilenweit entfernt scheint: Mit solch Begeisterung und Spannung vorgetragen, können auch diese Werke eine ungeheure Wirkung entfalten.

Dass die klanglichen Reichtümer der Instrumente und Tobias Kochs einfühlsame, aus dem Klangspektrum der jeweiligen der Instrumente geborene Interpretationen so ungeheuer mitreißend wirken, liegt zu einem Gutteil an der hervorragenden Aufnahmetechnik, die jedes Detail sorgfältig abbildet, ohne den Instrumenten zu nahe auf die Pelle zu rücken. Besser kann man diese Musik nicht aufnehmen. Abgerundet wird der rundum positive Eindruck durch eine liebevoll bis ins Detail gestalte äußere Aufmachung. Es gibt sie also doch noch, die Sternstunden auf dem Plattenmarkt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Späte Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
20.04.2007
EAN:

4260036250626


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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