> > > Elgar, Edward: Sinfonie Nr. 2, op. 63
Sonntag, 16. Mai 2021

Elgar, Edward - Sinfonie Nr. 2, op. 63

Der letzte Romantiker im Aufnahmestudio


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie sich ein Komponist seine Musik vorstellte, hier wird’s Ereignis: Edward Elgar dirigiert eigene Werke, deren Interpretation nach 80 Jahren unser Ohr überrascht.

Ein Blick in die zahlreichen Veröffentlichungen über Edward Elgar, der in diesen Tagen seinen 150. Geburtstag feiern würde, zeigt meist das gleiche Bild, nämlich das des mit sich selbst hadernden, ständig kränkelnden, von Selbstzweifeln und Depressionen geplagten Künstlers, dem nur seine engsten Vertrauten das Leben auf Erden erträglich machten und der sich in den letzten 20 Jahren seines Lebens mehr und mehr zurückzog. Der Mantel romantischer Verklärung scheint dicht gewebt. Ganz so einfach aber ist die Sache nicht. Freilich gab es den romantischen, den privaten Elgar. Aber es gab auch den offiziellen Elgar, die nationale Musikergröße, die den Vorkriegs-Pomp des Edwardianischen Zeitalters in imperiale Töne setzte. Vielleicht war es dieser Pomp, den das Publikum im Mai 1911 von Elgar erwartete, als seine zweite Symphonie uraufgeführt wurde. Pomp schafft Gewissheit, schafft Sicherheit, suggeriert keine Katastrophen, stellt keine Fragen. Elgars zweite Symphonie konterkarierte all dies. Drei Jahre vor der Weltkriegskatastrophe lieferte Elgar quasi den Abgesang auf ein untergehendes Zeitalter, mit veritablem Totenmarsch und fiebrig forcierter Dynamik.

Sein hochromantisches Cellokonzert von 1919 hingegen scheint in jeder Note wehmütig auszudrücken: ‚Ich will nicht wahrhaben, was in den letzten Jahren passiert ist. Lasst mich an alte Zeiten denken.’ Wenn sich Elgar mehr und mehr zurückzog, dann weniger in die Privatsphäre als vielmehr ins Plattenstudio. Dort war er von seiner Musik umgeben, von den Orchestermusikern, mit denen er so gerne zusammenarbeitete, konnte seine Musik interpretieren. Ein Glücksfall für die Nachwelt. Noch im Dezember 1919 machte Elgar mit der Cellistin Beatrice Harrison eine Aufnahme seines Cellokonzerts. Und im März 1924 spielte er seine zweite Symphonie ein. Die Ergebnisse waren bescheiden, war doch die Aufnahmetechnik zu diesem Zeitpunkt noch sehr limitiert und erlaubte mit ihren akustischen Trichterapparaten nur ein sehr reduzierte Anzahl an Instrumenten. Dies änderte sich ab 1926, als die Elektrik Einzug in die Aufnahmetechnik hielt. Und Edward Elgar ging wiederum hin und nahm beide Werke erneut auf. 1927, anlässlich seines 70. Geburtstags, die zweite Symphonie und ein Jahr später das Cellokonzert, wieder mit Beatrice Harrison als Solistin. In ihrer Reihe historischer Aufnahmen hat ‚Naxos’ diese beiden Einspielungen wiederveröffentlicht.

Vor dem großen Ton

80 Jahre liegen zwischen diesen Aufnahmen und der Jetztzeit. Eine lange Wegstrecke und zugleich eine 80jährige Interpretationsgeschichte. Hört man Elgars eigene Aufnahme des Cellokonzerts mit Beatrice Harrison, so realisiert man bald, dass der überromantisierte Tonfall des Werks eine Zugabe späterer Interpreten ist. Elgar selbst wählt im Vergleich mit nahezu allen späteren Einspielungen äußerst rasche Tempi und lässt das New Symphony Orchestra dezidiert rhythmisch markant und mit konturierter Transparenz agieren. Der große, schwere Ton der Elgarschen ‚Schicksalstonart’ e-Moll – Elgar selbst schlägt ihn nicht an. Er vermeidet große Bögen und arbeitet mit durchaus fiebrig austarierten Kleinphrasen, die im schwelgerischen Portamento der Streicher schlüssig gebunden werden. Dadurch entwickelt sich eine Spannkraft, eine dampfkesselartige Binnenspannung, die mit dem geradlinigen und keineswegs großen Celloton von Beatrice Harrison bestens korrespondiert. Harrison übernimmt die rhythmische Raffinesse von Elgars Dirigat und formt ihren Part mehr virtuos denn tiefschürfend aus, mit subtilem holzigen Tonprofil, das dem Konzert ein so völlig anderes Format, ja einen gänzlich anderen Ausdruckscharakter verleiht als in der Einspielung von Jacqueline Du Pré und Sir John Barbirolli Mitte der 60er Jahre. Elgars geradezu nüchternes Dirigat offenbart einen Zugang zu diesem Cellokonzert, der in seiner Klarheit und Stringenz das heutige Ohr regelrecht überrascht.

Auch in der Aufnahme der zweiten Symphonie, die Elgar am 1. April und 15. Juli 1927 mit dem London Symphony Orchestra einspielte, herrschen geraffte Tempi. So gerafft, dass das Orchester, das seinerzeit noch lange nicht zu der Spitze der Weltklasse-Orchester gehörte, hin und wieder Probleme hat, Elgars Dirigat zu folgen. Der tumultuarische Beginn des ersten Satzes bleibt in dem energetischen Gestus, den Elgar walten lässt, bis heute unerreicht, ebenso die Agogik, die der Komponist in seiner Einspielung subtil modelliert und dabei mehr als einmal von seinen in der Partitur abgedruckten Vorgaben abweicht. Einsatz- und Intonationsprobleme der Blechbläser werden im Rondo (Presto) durch die geradezu schattenhafte Unheimlichkeit der dahinrasenden Streicher wettgemacht. Elgar lässt in seinem Dirigat eine konsequente Unerbittlichkeit spüren, die seiner Einspielung aber eine Geschlossenheit und Spannkraft verleiht, wie sie in den späteren und tontechnisch weitaus reiferen Einspielungen der zweiten Symphonie unter anderen Dirigenten teils nur mit Mühe herzustellen ist.

Abgesehen von den problemlos tolerablen Restriktionen der Tontechnik hinsichtlich der Bassfundierung und dynamischen Abschattierung, hat Toningenieur Mark Obert-Thorn wieder einmal ganze Arbeit geleistet und präsentiert beide ursprünglichen Schellack-Aufnahmen in einer durchaus nuanciert zu hörenden, knackfreien Klanggewandung. Darüber hinaus enthält die CD den ‚Outtake’ des Rondos der zweiten Symphony, dessen Erstaufnahme seinerzeit abgebrochen wurde, weil ein Geräusch (vermutlich das Klopfen eines Fußes an eine Holzkiste) die Aufnahme störte.

Jahrhundertaufnahmen. Unbedingt empfehlenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    Elgar, Edward: Sinfonie Nr. 2, op. 63

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.04.2007
Medium:
EAN:

CD
747313326020


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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