> > > Bach, Johann Sebastian: Die Oboenkonzerte
Dienstag, 30. November 2021

Bach, Johann Sebastian - Die Oboenkonzerte

Segen der ungebundenen Instrumentierung


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Glaetzners Aufnahme zeigt sich als eine wertvolle Bereicherung des Repertoires wie auch der Klangvorstellung der barocken Musik, indem sie rekonstruierte Oboenkonzerte Bachs mit Feinsinn und Spielfreude hören lässt.

Burkhard Glaetzner ist wohl einer der berühmtesten und angesehensten Oboisten unsrer Tage. Nicht nur hat er sich um die zeitgenössische Musik verdient gemacht und mit der ‘Gruppe Neue Musik Hanns Eisler’ mehr als 100 Uraufführungen erarbeitet, sondern zugleich galt sein Augenmerk auch immer der alten Musik. So leitete er sechzehn Jahre lang das ‘Neue Bachische Collegium Musicum’ in Leipzig. Zusammen mit dem ‘Mitteldeutschen Bach Konvent’ bietet sich hier also eine Formation, die auf große Bachinterpretation hoffen lässt. Allerdings muss gesagt sein, dass, obwohl die ‘gleichsam redende Hautbois’ in den Kantaten weitläufige Verwendung fand, keine Oboenkonzerte Bachs überliefert sind. Hier sind wiederum die Musikwissenschaftler gefragt, die nach idiomatischen und stilistischen Studien Rekonstruktionen anfertigen können. Denn dass es einmal Bachsche Oboenkonzerte gegeben hat, scheint gesichert.

Das Ergebnis enttäuscht jedenfalls die Hoffnungen in keinster Weise. Bekannte Konzerte, wie das Violinkonzert BWV 1056 oder das Cembalokonzert BWV 1060, funktionieren mit der Oboe reibungslos, und gerade der Bekanntheitsgrad der Themen aus diesen Konzerte vermag uns einen Eindruck zu geben von der relativ zwanglosen Instrumentierung der Barockzeit.

Glaetzner hat sein Instrument sicherlich vollständig unter Kontrolle, und seine virtuose Sicherheit begegnet allen Anforderungen der Konzerte ohne das geringste Zögern oder Holpern. Sein Ton ist voll und reich an Nuancen; selten nur stechen sehr hohe Gipfeltöne etwas ins Ohr, was aber wohl mehr an ihrem Tonvolumen und ihrer Lautstärke liegt, als an Glaetzners tadellosem Spiel. Es fragt sich eher in die andere Richtung, ob er der hörbaren Spielfreude manchmal nicht ganz widerstehen kann und so, da er auch die Leitung des ‘Mitteldeutschen Bach Konvents’ übernimmt, ein etwas schnelles Tempo wählt.

Der erste Satz des bekannten A-Dur-Konzertes BWV 1055, das als einziges auf der CD nicht mit der Oboe, sondern mit der Oboe d’amore gegeben wird, eröffnet in diesem Sinne ungewohnt. Das Tempo ist sehr rasch gewählt, die Achtel des Themas schreiten herrisch, kantig und äußerst bestimmt nach unten. Glaetzner bewältigt zwar die enorme Geschwindigkeit seiner Solopassagen meisterhaft, behält die Figuren in der Hand, sodass sie für den Hörer übersichtlich und verständlich bleiben; allerdings würde man sich doch etwas mehr Zeit wünschen, die Töne anzuhören. Denn gerade weil Glaetzner so deutlich spielt, und es ermöglicht, sich wirklich jeden Ton einzeln vor dem Ohr herauszulösen, statt nur in Vierergruppen von Sechzehntelnoten zu hören, bekommt man den Eindruck, der Kopfsatz wird immer schneller, je besser man hinhört. Zeit für den Tongenuss bleibt dafür im zweiten Satz. Da erlebt man, wie reich die Oboe d’Amore an Klangfarben ist, und wie Glaetzner sie gleichsam in der Luft dreht und wendet, deutlich und mit verschiedenen Temperamenten vorstellt. Im dritten Satz dann finden diese beiden Pole zu einem Ausgleich, das Tempo scheint wunderbar getroffen. Und es lässt sich hier an einigen Stellen sehen, wie Glaetzner sehr dezent aber äußerst wirkungsvoll mit seinem Instrument gegen die allseits bekannte Besetzung mit Solocembalo auftrumpft und neue Möglichkeiten und Reichtümer aufzeigt: Indem er zum Beispiel innerhalb eines langen Trillers die Klangfarbe beweglich hält und verändert. Er modelliert hier wie auch andernorts zusätzlich zur Dynamik eine Spannung des Trillers, eine veränderliche Gestaltung des Tons während dieser längst klingt, die auf Klaviaturen vergeblich gesucht werden würde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Die Oboenkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
1
30.05.2007
75:19
2007
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124160920
0016092BC


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"Der erfahrene Altmeister der Oboe Burkhard Glaetzner, der immer schon ein möglichst breites Repertoire in unterschiedlichen Ensembles gepflegt hat, geht auf seiner neuen CD zu den Wurzeln zurück und widmet sich den Konzerten Johann Sebastian Bachs. Nun ist die Oboe von Bach als obligates Instrument zwar sehr häufig eingesetzt worden, dennoch ist kein einziges originales Oboenkonzert überliefert. Musikwissenschaftler konnten allerdings nachweisen, daß zahlreiche bekannte Werke höchstwahrscheinlich Bachsche Umarbeitungen von heute verschollenen Oboenkonzerten sind, daß Bach also tatsächlich, seiner Symphatie für dieses Instrument folgend, eine ganze Reihe davon komponiert hat. Burkhard Glaetzner hat hier eine Sammlung von Rekonstruktionen solcher Konzerte zusammengestellt. Den historisch legitimierten „Wiederherstellungen“ setzt er zudem eine reizvolle hypothetische Fassung des bekannten und überaus beliebten Violinkonzertes BWV 1041 an die Seite. Aber auch ungeachtet all der editorischen Fragen ist diese Musik vor allem ein Genuß geistvollen Musizierens. Zusammen mit dem Mitteldeutschen Bach Konvent, das er hier auch leitet, führt Burkhard Glaetzner zeitlose Gültigkeit und aktuelle Lebendigkeit, Virtuosität und Ausdruck zu einer nahezu idealen Synthese. "


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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