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Samstag, 2. Juli 2022

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 5

Der Antipode der Götter


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lovro von Matacic überrascht mit einer höchst eigenwilligen Bruckner-Deutung.

Lovro von Matacics Bruckner-Interpretationen genießen mittlerweile einen legendären Ruf. Vielleicht auch, weil sie auf CD nicht leicht zu haben sind. Das Label Supraphon brachte jetzt die Fünfte in einer Aufnahme von 1970 neu heraus, also bevor die beiden um 13 Jahre jüngeren Götter der Brucknergemeinde, Wand und Celibidache, ihre Maßstabsetzenden Zyklen begannen. Zusammen mit der Tschechischen Philharmonie stellte der mit 71 Jahren für einen Brucknerdirigenten geradezu jugendliche Matacic die absolute Gegenposition zu diesen Meistern auf.

Zunächst seine Tempi: Über kein anderes Thema wird bei Bruckner wohl ähnlich kontrovers diskutiert, woran ‘Celi’ mit seinen extremen Deutungen wohl nicht ganz unschuldig sein dürfte. Haben wir in ihm einen Magier der Langsamkeit, so bricht Matacic so manchen Geschwindigkeitsrekord. Selbst der relativ zügige Wand brauchte 1996 in Berlin insgesamt sieben Minuten länger für seine Fünfte. Besonders auffällig ist die Coda des ersten Satzes und so manche Stelle des Finales. Obwohl entsprechende Anweisungen in der Partitur fehlen, wirkt die Raserei keineswegs unangebracht, eher stürmisch und lebendig. Völlig überzogen hingegen ist das Scherzo, und nicht nur hier bleibt die Präzision auf der Strecke, obwohl es sich um eine Studioproduktion handelt. Das Trio, eigentlich ‘im gleichen Tempo’ zu spielen, ist wieder wesentlich ruhiger. Immerhin bewegt sich das Adagio im üblichen Rahmen. Zwar ist Matacic etwa drei Minuten schneller als Georg Solti (dessen Nachfolger an der Frankfurter Oper er 1961 wurde), acht im Vergleich zu Celi, jedoch benötigt Wand zwei Minuten weniger. Leider wirkt der Satz doch allzu träge und lässt Wärme und Intensität vermissen. Zudem erreichen die Solobläser des Prager Orchesters hier nicht annähernd die gesanglichen Qualitäten ihrer Berliner Kollegen, von denen das Adagio in weiten Teilen getragen wird.

Insgesamt kann Matacic mit der Größe seiner beiden Antipoden nicht konkurrieren, da es ihm nicht wie ihnen gelingt, die Architektur der Brucknerschen Symphonik deutlich werden zu lassen. Die ungeheure Kraft der Musik bleibt auf der Strecke. Das bedeutet nicht, dass Matacics Leistung nicht in mancher Hinsicht überzeugen würde, hervorzuheben wären etwa die Konturschärfe, die einen schlanken Orchesterklang selbst in Tuttistellen ermöglicht. Matacic lässt hierfür im Forte die Noten extrem kurz spielen. Freilich geschieht dies auf Kosten der Imposanz, so manche Holzbläserpassage, etwa zur Mitte der Durchführung des ersten Satzes, profitiert aber davon. Zu Beginn dieses Formteils ist eine weitere Besonderheit festzustellen, und zwar das mit Vibrato einsetzende Horn.

Ein Wort muss wohl über Matacics Texttreue gesagt werden. Zwar verspricht das solide gestaltete Beiheft eine Aufführung, die sich an die Originalfassung der Symphonie nach der Ausgabe von Robert Haas hält (die im Falle der Fünften nicht umstritten ist), in Wirklichkeit jedoch schreckt Matacic keineswegs vor Korrekturen des Notentextes zurück. Relativ harmlos ist noch eine Verdopplung des markanten Klarinettenmotivs zu Beginn des Finales durch andere Bläser. Gravierender ist ein Eingriff in die Form durch Streichung der Takte 430 – 457. Ein eingefügtes Paukenmotiv in der Coda des ersten Satzes ändert gar das harmonische Empfinden, und der Schlusschoral der Symphonie wird durch zusätzliche Becken, Triangel und neu komponierte Flötenstimmen voller Triller und Läufe eher in die Nähe eines Jahrmarktes als einer religiös empfundenen Apotheose gerückt.

Immerhin steht Matacic damit in der Brucknertradition des 19. Jahrhunderts und anderer großer Dirigenten wie Leopold Stokowski, der sich solche Freiheiten freilich nur bei manchen Stücken gestattete. Die Aufnahme ist damit nur bedingt von ästhetischem, mit Sicherheit aber von historischem Interesse.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
23.03.2007
Medium:
EAN:

CD
099925390327


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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