> > > Schubert, Franz: Impromptus D. 935 Nr. 1-4
Dienstag, 30. November 2021

Schubert, Franz - Impromptus D. 935 Nr. 1-4

Nicht zu vergessen: Schuberts Sonate oubliée


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine vergessene Sonate Franz Schuberts in einer Ersteinspielung durch Sebastian Knauer - eine wunderbare und aufregende CD!

Fragment gebliebene und unvollendete Werke großer Meister haben nicht selten die Aura des Geheimnisvollen. Häufig schon machten sich findige Komponisten und Musikwissenschaftler daran, solche Stücke im Sinne des Komponisten zu vollenden. Man denke etwa an das Requiem Mozarts oder dessen c-Moll Messe, man denke an Versuche, der Unvollenden Schuberts zwei weitere Sätze hinzuzufügen oder an das gigantische Unternehmen, ein Finale zu Bruckners neunter Sinfonie aus dessen spärlichen Skizzen zu gewinnen – bis hin zur meisterhaften Vollendung von Alban Bergs Lulu durch Friedrich Cerha. Die Ergebnisse solch ehrgeiziger Projekte sind vielfältig und reichen von gut gemeint bis genial.

Ein ähnlicher, wenn auch ganz anders gelagerter Fall, ist die von den Herausgebern Jörg Demus und Roland Sölder sogenannte Sonate oubliée C-Dur (D 916B) – die vergessene Sonate – von Franz Schubert, die nun in einer Ersteinspielung durch Sebastian Knauer bei dem Label Berlin Classics vorliegt. Der Pianist beschriebt im Booklet sehr anschaulich, wie die Rekonstruktion der Sonate vor sich gegangen war: In einem umfangreichen Konvolut zur unvollendet geblieben Oper ‘Der Graf von Gleichen’ hatte man zwei Sätze gefunden, die zunächst für eine Fortsetzung einer Reihe von Impromptus gehalten wurden. Architektonische Aspekte sprechen jedoch dafür, dass es sich möglicherweise um die Ecksätze einer Sonate handeln könnte. Während in zahlreichen der oben genannten Beispiele immense Eingriffe in das Material oder zuweilen völlige Neukomposition notwendig war, beschieden sich Demus und Sölder damit, der Sonate lediglich sechs ‘eigene’ Takte hinzuzufügen, um die angelegte Architektur des Stückes ‘schubertgemäß’ abzurunden. Als langsamen Mittelsatz empfehlen die Herausgeber einen Allegrettosatz in verwandter Tonart und dramaturgisch passendem Gestus.

Was hier zunächst etwas trocken theoretisch klingen mag, tritt schon beim ersten Hören vollständig in den Hintergrund – denn schon nach ein paar Takten des ersten Satzes ist das Ohr mitten in einem wundervollen Werk und es ist zu hoffen, dass der Titel die ‘vergessene Sonate’ bald vergessen werden kann. Niemals hat man den Eindruck, es handele sich um Stückwerk oder Fragment, es ist musikalisch absolut schlüssig. Ob diese Sonate nun eine ähnliche Größe und Erhabenheit besitzt wie die Heiligtümer schubertscher Klaviermusik – etwa die Sonaten a-Moll und B-Dur – das sei dahingestellt und wird sich erweisen, nachdem das Werk eine ähnliche Popularität erreicht haben wird. Vielleicht ist dieses Stück im Vergleich zu den Heiligtümern etwas bescheidener angelegt.

Zu dem überaus positiven Eindruck der CD trägt auch der hervorragend aufgelegte Pianist Sebastian Knauer bei: Er entlockt der Sonate eine enorme Bandbreite des Ausdrucks – exemplarisch sei die Gegenüberstellung der beiden Themen des Schlusssatzes erwähnt: Knauer wechselt blitzschnell zwischen einem rhythmisch (an Beethoven erinnernden) geprägten markigen Thema und einem tänzerisch-quirligen Thema hin und her – wie durch eine winzige Tempoverzögerung zwei so unterschiedliche Welten verbunden werden, das ist meisterlich! Ebenso das plötzliche, impulsive Herausschnellen aus lyrischen Passagen – das macht einfach alles große Freude beim Hören. Knauer verzichtet zu Gunsten eines sehr klaren und präzisen Anschlags auf eine sonst recht häufige anzutreffende weiche Schubertdarstellung, die dem Klischee des Schubertbildes zu entsprechen versucht. Nichts von alledem findet sich in Knauers Interpretation – auch nicht in den der Sonate vorangestellten vier Impromptus (D 935), die für das ein oder andere Klischee doch sehr anfällig sein können. Die CD – sinnvoll abgerundet wird sie durch das Adagio und Rondo concertante F-Dur, in dem Knauer durch das Ensemble Resonanz begleitet wird – ist unbedingt zu empfehlen. Sie präsentiert eine wahre Kostbarkeit in einer sehr schönen Einspielung und sollte in keinem Plattenschrank eines Schubertfreundes fehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Gordon  Kampe Kritik von Gordon Kampe,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Impromptus D. 935 Nr. 1-4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
18.04.2007
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124161620
0016162bc


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Schubert, Franz


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Interpret(en):Knauer, Sebastian (Piano)


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"Nachdem Sebastian Knauer im letzten Jahr als Mozart-Interpret für Furore sorgte (Wolfram Goertz schwärmte in der „Zeit“: „Eine der schönsten Mozart-Aufnahmen aller Zeiten“), kehrt er nun wieder zu Franz Schubert zurück. Bereits seine erste CD-Einspielung mit späten Klavierwerken wies ihn als feinfühligen Kenner Schubertscher Klangwelten aus: „...Knauer ist ein nachdenklicher Pianist mit einer profunden Anschlagskultur, die ihn genau in den richtigen Momenten die Ausdrucksstärke der Werke Schuberts ausloten läßt...“ (Carsten Dürer in „Piano News“). Mit seiner neuen CD nähert sich Sebastian Knauer dem Komponisten auf ganz überraschende Weise: Zunächst mit der Ersteinspielung der „Sonate oubliée“ D 916B, einer Kombination lange verschollener Einzelsätze aus dem Jahr 1827. Vieles spricht dafür, daß hieraus eine große späte Sonate entstehen sollte, wie die Herausgeber Jörg Demus und Roland Sölder annehmen. Es handelt sich auf jeden Fall um echten Schubert, um beeindruckende Musik, die nun endlich auf CD vorgestellt wird! Dieser „vergessenen Sonate“ vorangestellt sind die hingegen wohlbekannten Impromptus D 935 aus demselben Jahr. Diese umfangreichen Stücke treiben die Möglichkeiten des quasi Improvisatorischen in erstaunliche formale Dimensionen. Wie schon bei den Impromptus D 899 auf seiner vorigen Schubert-CD verbindet Knauer die Illusion des Stegreifspiels mit dem Sinn für das Ganze. Seine klare und kraftvolle, aber nie auftrumpfende Spielweise findet für jedem Moment den richtigen Tonfall. - Schubert für Klavier und Orchester? Leider hat Schubert kein Klavierkonzert hinterlassen, aber womöglich sollte das Klavierquartett Adagio und Rondo concertante D 487 den Weg dorthin ebnen. Sebastian Knauers eigene Bearbeitung für Klavier und Streichorchester macht dies in überzeugender Weise hörbar. Hierbei leitet er vom Klavier aus das renommierte und für außergewöhnliche Konzepte bekannte Ensemble Resonanz. So bekommt der Hörer am Ende einen faszinierenden Eindruck, wie ein Schubertsches Klavierkonzert hätte klingen können. "


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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