> > > Kühr, Gerd: Revue instrumentale et électronique
Freitag, 18. Januar 2019

Kühr, Gerd - Revue instrumentale et électronique

Revue des Imaginären


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gerd Kührs Revue instrumentale et électronique vom Steirischen Herbst in Graz ist mit dem Klangforum Wien bei Kairos erschienen. Eine Zeitschau zwischen Wirklichkeit und Imagination, Referenz und Reverenz einer veritablen Revue.

Der musikalische Charakter einer Revue wird gemeinhin mit der breiten Palette der Unterhaltungsmusik verbunden. In ihr tummeln sich Schlager, Tänze und Komisches um sich zu einem bunten Bild der Ausgelassenheit zu vereinen. Nun hat auch der österreichische Komponist Gerd Kühr eine Revue geschrieben. Seine Revue instrumentale et électronique wurde 2005 beim Steirischen Herbst in Graz mit dem Klangforum Wien und dem IEM Graz uraufgeführt. Formal gesehen ist das Werk eine Raumkomposition für Instrumentalensemble und Zuspielungen – fern also von den umherschwirrenden Gemeinplätzen, die der Form der Revue anhängen.

Mit dem Wort ‘Revue’ verbinden sich aber auch andere Assoziationen. Eine Rückschau will sie sein, mithin vielleicht Rêverie, Revelge, Tagtraum. So beginnt Kührs Werk mit unterschiedlichen Klangfiguren, die einzeln evoziert werden, eingeleitet von einer ganzen Batterie von Trommelsignalen. Diese Klangfiguren, die ganz verschiedenen musikalischen Bewusstseinsschichten zu entspringen scheinen, werden sich im Verlauf des Werkes zu einer ‘imaginären Sound-Machine’ vereinen, gekrönt von einem virtuosen Finale, dem Virtual Dance.

Im Raum positioniert befinden sich fünf Instrumentalgruppen: ein dunkel timbriertes Ensemble im Zentrum der Bühne, vier Trios im Raum verteilt und vier Schlagzeuger in den Eckpunkten. Ein Wechselspiel zwischen kammermusikalischer Intimität und raumübergreifendem Ensembleklang entsteht, und auch in seiner musikalischen Faktur ist Kührs Werk ein ständiges Changieren zwischen den Genres. So gelangt die Form der Revue zu ihrer Erfüllung, indem Techniken der Collage, des Überblendens und der Karikierung einen Zeitstrom verschiedener Gefühle schaffen.

Zu dem an sich schon komplexen Ensembleklang kommen verschiedene Zuspielungen, die aus bearbeiteten Liveaufnahmen des Instrumentariums bestehen. So wird der Ensembleklang erweitert, räumlich ausgeweitet und verdichtet. Die Zuspielungen liefern mal rhythmisch subtile Akzente, mal Flächen, die aus mehreren tausend Klangschichtungen bestehen. Das Publikum wird auf diese Art und Weise in einen Sog hineingezogen, in dem es eine Synthese von Orchesterklang und Elektronik erfährt, aber auch Klangprozesse wahrnehmen kann, die sich von einem Punkt im Raum in den unterschiedlichsten Formen über den Hörer ergießen.

Dem Hörer an der heimischen Stereoanlage wird dieses Erlebnis durch das Surroundformat der SA-CD möglich gemacht – der Stereoklang kann nur ein ungefähres Abbild dieser vielschichtigen Bewegungsprozesse liefern.

Das imaginäre Tanztheater zwischen schriller Aufgeregtheit und statischer Verinnerlichung wird vom Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomárico virtuos umgesetzt. Besonders in den Momenten präziser räumlicher Koordination entsteht ein brillantes Spektakel, eine Manege der unterschiedlichsten artistischen Darbietungen, die sich zu einem vielfarbig schillernden Kaleidoskop von Klängen zusammenfügen. Die äußerst fein ausgearbeiteten Zuspielungen fügen sich so wunderbar in den akustischen Kontext ein, dass ein veritables Gesamtkunstwerk von großer Schlüssigkeit entsteht. In einer Revue soll der Zuschauer etwas von der ihn umgebenden Alltäglichkeit vergessen und eine andere Welt – vielleicht eine bessere, oder zumindest den Hauch einer solchen – erfahren. Diese Evokation des Utopischen ist Gerd Kühr in jeder Hinsicht geglückt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kühr, Gerd: Revue instrumentale et électronique

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
11.05.2007
EAN:

9120010281174


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

  • Zur Kritik... Nicht für schwache Nerven: Hochanspruchsvolle und interpretatorisch exemplarische Darbietungen komplexer Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Horror aus Österreich: Für Sommerfeste auf keinen Fall zu empfehlen: Olga Neuwirths düsterer Soundtrack zu 'Ich seh Ich seh'. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Plastische Klangwucht: Eine empfehlenswerte Porträt-CD des Labels Kairos widmet sich der Musik des Komponisten Samir Odeh-Tamimi. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musik: Rubén Dubrovsky interpretiert zusammen mit Andreas Scholl, dem Salzburger Bachchor und dem Bach Consort Wien Werke von Antonio Vivaldi aus seiner Zeit als künstlerischer Leiter in einem venezianischen Waisenhaus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2019) herunterladen (2248 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich