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Dienstag, 30. November 2021

Der Kreuzchor - Engel, Bengel und Musik

Oase der (Mit-)Menschlichkeit


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Dokumentation über den Alltag von sechs Jungs im Dresdner Kreuzchor wird zum Hoffnungssignal einer menschlichkeitsliebenden Jugend. Platt, aber treffend ausgedrückt: ein Stern am öden TV-Himmel.

Fische werfende Piraten, Sex, vor allem Sex, and Crime im alten Rom, Überlebenstraining vor laufenden Kameras, hektisches Kochtopfklappern aus Kerners und Co. Plapper- und Dummschwätzerküchen und natürlich Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen – das ist die TV-Realität des Sommers 2007. Wer zu dumm war oder schlichtweg einfach nur Pech hatte, die Fernbedienung nicht rechtzeitig genug der Toilettenspülung anzuvertrauen, wer nicht lesen kann oder will, wer keinen Balkon besitzt und dem der Weg zum nächsten Baggersee oder Freibad zu mühsam oder das Wetter zu schlecht ist, der landet irgendwann dann doch wieder vor der Mattscheibe, sich ob dieses gesendeten Schwachsinns und der verlorenen kostbaren Lebenszeit ärgernd. Sonja Zietlows Charme einer Schiffsplanke erliegen oder den kochenden Schnurrbärten am liebsten in die öffentlich-rechtlichen Töpfe spucken? Das ist hier die Frage, die man sich nicht unweigerlich stellen musste, wenn man im Juli einen wirklich außergewöhnlichen Lichtblick am TV-Horizont entdeckt hatte:

Der Mitteldeutsche Rundfunk, (ausgerechnet der Mitteldeutsche Rundfunk!) erwies sich als Retter aus der Fernsehmisere, als er mit ‚Engel, Bengel und Musik’ eine achtteilige Dokumentation über den Dresdner Kreuzchor ausstrahlte. Diese im Auftrag des Senders entstandene Dokusoap von Jana von Rautenberg ist ein in mindestens zweierlei Hinsicht exzeptionelles TV-Ereignis, denn nicht nur durfte zum ersten Mal ein Kamerateam hinter die Kulissen des Dresdner Traditionschores blicken, auch das tiefgehende Ergebnis verblüfft, erweist sich diese achtteilige TV-Reihe doch als ein Dokument der Hoffnung, dass Zusammenhalt, Höflichkeit und Mitmenschlichkeit auch in unseren Tagen noch nicht gänzlich verschwunden sind.

Zunächst unterscheidet Jana von Rautenbergs Film sich handwerklich und stilistisch nicht unbedingt von den täglich massenweise gesendeten Dokusoaps aus allen möglichen und unmöglichen Zoos und Tierparks. Die Machart scheint dieselbe und ist es doch nicht ganz. Hinter dem MDR-typischen Titel ‚Engel, Bengel und Musik’ verbirgt sich die Geschichte des Alltags der sechs Kruzianer Benjamin, Franz, Jonny, Lucas, Philip und Johannes, die stellvertretend für die im Kreuzchor zusammentreffenden Lebensalter und Charaktere stehen, für die Befindlichkeiten von Kindheiten, im Übergang zur Pubertät und des reifenden Erwachsenenstatus. Sechs Individualisten in ihrer Ambivalenz zwischen normalem Jungen-Alltag und der Ehrfurcht vor dem Privileg, diesem weltbekannten Chor angehören zu dürfen. Der Film begleitet sie bei der Aufnahmeprüfung, beim Fußballspiel gegen die Thomaner, bei Proben, Konzerten und Tourneen mit Kreuzkantor Roderich Kreile. Und sie filmen sich teilweise selbst in ihrem manchmal durchaus chaotisch anmutenden Alltag – mit der ‚Kruzi-Cam’. Das mag zunächst vielleicht alles den gewohnten Anschein der heute im TV üblichen dokumentarischen Massenware evozieren. Dass diese achtteilige Doku-Reihe jedoch Jungs mit der Befähigung zur Reflexion und Selbstreflexion zeigt, denen soziales Engagement nicht auferlegte Pflicht, sondern Lust ist und die, so verschieden auch ihre Persönlichkeiten ausgeprägt sind, einen Grad an Mitmenschlichkeit offenbaren, der anrührt und zugleich hoffnungsfroh stimmt, ist eine veritable Ausnahmeerscheinung in der heutigen Fernsehlandschaft und kann mittels DVD immer wieder bewundert werden.

Die Veröffentlichung auf DVD, und das sei als einziger Kritikpunkt angebracht, hätte durchaus ein wenig Bonusmaterial vertragen können, wie zum Beispiel ein komplettes Konzert des Kreuzchors oder die gesamte Christvesper oder auch dokumentarisches Material zur Geschichte des Kreuzchors.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Der Kreuzchor: Engel, Bengel und Musik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
2
28.03.2007
Medium:
EAN:

DVD
782124161989


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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