> > > Beethoven, Ludwig van: Fidelio
Montag, 26. September 2022

Beethoven, Ludwig van - Fidelio

Glatt und schön


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Hamburger Ensemble mit Anja Silja und Theo Adam an der Spitze musizieren unter Leopold Ludwigs Leitung einen ‘Fidelio’ ohne Ecken und Kanten. Das klingt schön, hat aber Dank Rolf Liebermanns Regie mit spannender Oper nur wenig zu tun.

Die Fernsehproduktionen der Hamburgischen Staatsoper aus den späten Sechzigern und den siebziger Jahren glänzen durchweg mit einer namhaften Besetzung oder machen in einzelnen Fällen auf die hervorragenden Leistungen von Hamburger Ensemblemitgliedern aufmerksam. Dass diese Studio-Aufzeichnungen nun allesamt der Reihe nach bei Arthaus auf DVD erscheinen ist eine wahre Pioniertat, zumal viele dieser Aufnahmen schmerzliche Lücken im diskographischen Repertoire einiger Künstler schließen. Mit dieser Serie sind folglich hohe Erwartungen verbunden, die bisher auch zweifelsohne erfüllt werden konnten. Dazu tragen natürlich primär die erstmals veröffentlichten Bilddokumente bei, aber auch die ansprechende Aufmachung der Reihe im stylischen Tapetenlook und die informativ recherchierten Beihefte.

Im Jahr 1968 ging die Staatsoper also mit Rolf Liebermanns ‘Fidelio’-Inszenierung ins Fernsehstudio. Die Besetzung kann sich sehen lassen, vor allen Dingen ist für die Nachwelt Anja Siljas Leonore konserviert, die zum Zeitpunkt der Aufzeichnung gerade mal 28 Jahre alt war. Die hohen Erwartungen kann dieser ‘Fidelio’ aber nur teilweise erfüllen.

Zunächst muss einmal festgestellt werden, dass auf durchweg erstklassigem Niveau musiziert wird und auch die szenische Umsetzung keinen Anlass zu einem Streitgespräch bietet. Und genau hier liegt der Haken: Liebermanns Regie ist so zurückhaltend, dass vielmehr von einem beiläufigen Arrangement die Rede sein sollte. Dieses große inszenatorische Vakuum wird von den Sängern aber in keinster Weise improvisierend gefüllt. Zur bildhaften Statik reduziert, absolvieren sie ihre szenische Aufgabe mit einer beneidenswerten Gemütsruhe, die sich auch auf den Gesang überträgt. Keine Frage: Da ist alles vorhanden, vokale Hürden werden mit Bravour gemeistert, aber das Ergebnis bleibt teilnahmslos steril. Dieser Umstand verstört – gerade im Hinblick auf solche Bühnentiere wie Anja Silja oder Theo Adam. Selbst die sonst so quirlige Lucia Popp als Marzelline gerät unter diesen Umständen einfach zu brav. Alles strahlt eine nivellierende Abgeklärtheit aus, die Beethovens Freiheitsoper den letzten Blutstropfen entzieht. Als unabhängige Tonspur ginge dieser ‘Fidelio’ als ein tadellos gesungener Oratorienabend gerade noch durch, aber als lebendiges Musiktheater ist er nicht zu bezeichnen.

In vokaler Hinsicht sind die Ergebnisse unerwartet: Entgegen jeder Vermutung findet Anja Silja als Leonore zu einem wundervoll runden und schlanken Ton, weit von jener charakteristischen Schärfe in der Höhe oder einem dramatisch unterfütterten Vibrato. Teilweise erinnert ihr Zugang an gepflegten Liedgesang, was beispielweise im Quartett des ersten Aktes einlullende Klangwelten heraufbeschwört, die man dem Organ der Silja gar nicht zugetraut hätte. Zudem überzeugen ihre prononcierten Dialogpassagen auf ganzer Linie. Lucia Popp ist zwar eine charmant strahlende Marzelline, deren silbrig perlendes Organ für traumhafte Farben sorgt, aber die Diktion ist ihr leider völlig abhanden gekommen. Zum Glück hat man ihre zehn Jahre spätere Marzelline mit Leonard Bernstein im Hinterkopf, und weiß, zu welchen Leistungen die Popp fähig ist.

Bei den Herren sieht die Bilanz ähnlich aus: Theo Adam strahlt als Pizarro große Souveränität und Dämonie aus. Sein edler Bass kennt in dieser Partie keinerlei Schwierigkeiten und kann sich somit ganz auf die Gestaltung konzentrieren. Damit führt er dieses Ensemble zweifelsohne an. Dass Liebermann ihn mit einem rotausgeschlagenen, wehenden, schwarzen Cape auftreten lässt, das eine Assoziationskette von Dracula bis Mephisto in Gang bringt, kann man zum Glück bei dieser überzeugenden Darstellung schnell vergessen. Als Rocco ist Ernst Wiemann mit seinem väterlichen Spielbass rollendeckend besetzt und Erwin Wohlfahrt leiht dem Jacquino seinen lyrischen Tenor. Richard Cassilly als Florestan klingt erstaunlich leicht besetzt. Mit seiner jugendlichen Leichtigkeit bildet er ein passendes Pendant zur jungen Anja Silja und beide bewältigen das ‘O namenlose Freude’ mit fast schon beiläufiger Mühelosigkeit.

Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters unterstützt der routinierte Leopold Ludwig, jenen puren Schönklang ohne Ecken und Kanten, der Beethovens Musik zwar offenkundig huldigt, ihr dramatisches Potenzials aber unterbindet. Diesen ‘Fidelio’ muss man nicht wirklich gesehen haben, aber die Tonaufnahme ist gewiss nicht schlechter als andere Einspielungen dieser Zeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Beethoven, Ludwig van: Fidelio

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
19.03.2007
115:00
1968
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
807280127591
101 275


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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