> > > Furrer, Beat: Begehren
Samstag, 24. August 2019

Furrer, Beat - Begehren

Das Gesetz der Begierde


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder dient der Orpheusmythos als Ausgangspunkt innovativen Musiktheaters - wie schon vor vierhundert Jahren bei Monteverdi: Beat Furrers 2003 uraufgeführtes Werk ?Begehren? ist nun mit den ensemble recherche bei Kairos erschienen.

Die Frage, was Musiktheater heute zu leisten habe, bewegt - den Eindruck kann man des Öfteren gewinnen – scheinbar nicht allzu viele zeitgenössische Komponisten. Oper wird häufig noch als Spielplatz der Leidenschaften verstanden, in alten Erzählformen verharrend, ohne die ‘Überlagerungsdellen’, die diese Gattung in ihrer langen Geschichte davongetragen hat, zu reflektieren. Dennoch bescheren uns Komponisten manche Momente von eindringlicher Ursprünglichkeit, in denen wirklich Neues auftritt und in solcher Radikalität etwas davon erzählt, was im tiefsten Sinne ‘klassisch’ ist. Der Wahlösterreicher Beat Furrer scheint prädestiniert für Erlebnisse dieser Art. Sein jüngster Beitrag zur Gattung wurde unlängst auf der Biennale von Venedig ausgezeichnet. Von ähnlicher Bedeutung ist Furrers Musiktheater ‘Begehren´’; 2003 zur Eröffnung der Kulturhauptstadt in Graz uraufgeführt, ist es nun als Hybrid-CD bei Kairos erschienen.

Der Orpheusmythos erzählt vom Prototyp der Musik und des Musikers. Der Sänger Orpheus, der mit der Kraft der Musik den Tod besiegt, ist gleichzeitig Urbild des Menschen und seiner Leidenschaften. Insofern ist der Orpheusstoff wie geschaffen für die Umsetzung auf der Opernbühne, wovon zahlreiche Vertonungen von Monteverdi bis heute zeugen.

Beat Furrers Version des Mythos will nun keine Handlungsstränge rekonstruieren, sondern innere Gefühlswelten ausloten, die Zustände des Begehrens, des Verlangens, darstellen und ihnen auf den Grund gehen. Die Besetzung ist auf zwei Personen beschränkt, SIE und ER, zwei namenlose Protagonisten in beziehungsloser Ortlosigkeit. In zehn Szenen werden die beiden Figuren in den unterschiedlichen Stadien ihrer Entwicklung gezeigt, auf der Suche nacheinander und nach sich selbst.

Die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren wird durch die Behandlung der Sprache verdeutlicht. Dem Sänger wird es verwehrt, sich in seinem eigenen Medium auszudrücken, er spricht anstatt zu singen. Gegen Ende erst versucht er zu singen, was er nicht sagen konnte, heraus kommt aber nicht mehr als ein Summen ohne semantischen Kontext. Zurück bleibt SIE mit einer Schluss-Aria ins Offene. Eine Kommunikation zwischen beiden findet wegen des unterschiedlichen Sprachvorrats nicht statt. SIE antwortet ihm immer in fremden Sprachen – das Libretto ist aus unterschiedlichsten Quellen von Ovid und Vergil in Originalsprachen bis zu Broch, Pavese und Eich zusammengesetzt. Ein Dialog entsteht nur an wenigen Momenten des Innehaltens, wenn ER und SIE in den verschiedenen Längen von Ein- und Ausatmen eine gemeinsame Expressivität suchen.

Wie im antiken Theater steht die Konfrontation von Individuum und Chor hinter Furrers Musiktheatermodell. Ein zwölfköpfiges Vokalensemble – in dieser Aufnahme das stimmvirtuos agierende Ensemble NOVA – ist in die Handlung eingewoben wie ein Geflecht aus inneren Stimmen der Protagonisten.

Furrers Musik ist von körperlich packender Intensität ohne Aufweichungen struktureller Prinzipien. Sie bewegt sich zwischen Atem und Gesang und ist somit eine Erweiterung des Vokaltraktes der Protagonisten. In ihrer herben. flirrend bröseligen Klanglichkeit spricht sie auch von der Sehnsucht nach verlorenem Gesang und versenkt sich oft in rettende Stille. Ein musikalischer Sog des Begehrens entsteht, klangliche Gesten eines verzweifelten (Selbst)Gesprächs. Diese Musik liefert keine oktroyierten Wahrheiten sondern lässt den Hörer in seiner Wahrnehmung allein. Sie bietet aber einen Hauch der Hoffnung, wenn im Schlussgesang SIE ihre Stimme wieder finden wird.

Das auf fünfzehn Spieler verstärkte ensemble recherche agiert unter der Leitung des Komponisten mit eindringlicher Nähe und größter Präzision; ein flirrender Klangteppich, auf dem die beiden Protagonisten zu wahren Sprech- Sing- und Atemkünstlern werden können. Johann Leutgeb als murmelnder ER mit einer unglaublichen Palette an stimmlichen Intensitäten und Petra Hoffmann als koloraturfestes Überbleibsel einer langen Gattungsgeschichte verkörpern die Figuren auf der Suche nach ihrer eigenen Bedeutung mit bewusstseinserweiterndem Zugriff.

Solche Musik gibt dem Hörer viel mit auf den Weg. Und ihn ihrer innovativen Radikalität hat sie viel von dem Paukenschlag, den Monteverdis Orfeo vor vierhundert Jahren bedeutete.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Furrer, Beat: Begehren

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
13.04.2007
Medium:
EAN:

SACD
9120010281075


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich