> > > Neuwirth, Olga: Lost Highway
Samstag, 24. August 2019

Neuwirth, Olga - Lost Highway

Endstation Sehnsucht


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zusammen mit Elfriede Jelinek erkundet Olga Neuwirth in ihrem Musiktheater ?Lost Highway? die alptraumhafte Bloßlegung menschlicher Sehnsüchte nach David Lynch und zeigt: die Operngeschichte wird weitergeschrieben.

‘Lost Highway’ als Vorlage für ein Musiktheater erweckt ungewöhnliche Erwartungen. David Lynchs Kultfilm ist ein psychotischer Trip, eine ‘radikale Abrechnung’ mit dem Erzählprinzip der fortschreitenden Handlung. Wo Film, wo Musiktheater, bisher vom vereinheitlichenden, alles überblickenden Betrachter ausging, rammt Lynch seiner Hauptperson die Kamera gleichsam ins Hirn, in die tiefsten Abgründe der Seele, so dass ein völlig neuer Blick entsteht. Diesen in Musik umzusetzen, war die neue Herausforderung, der sich die junge österreichische Komponistin Olga Neuwirth gemeinsam mit ihrer Librettistin Elfriede Jelinek stellen wollte. Herausgekommen ist etwas verblüffend Neues, das zeigt, wie wenig heutiges Musiktheater in einer vermeintlichen Sackgasse festgefahren ist, wenn neues Terrain mutig beschritten wird.

2003 beim Steirischen Herbst in Graz uraufgeführt, ist das Werk nun auf einer Doppel-CD bei Kairos erschienen. Aufgrund der besonderen Anordnung der Klangräume liegt die Aufnahme im 5.1-Surroundformat vor – das grundsätzliche Problem der rein auditiven Wiedergabe von Musiktheater soll an dieser Stelle außen vor gelassen werden.

Ob so etwas wie eine fortschreitende Handlung in dieser Form – oder Formlosigkeit – noch erzählbar sei, ist fraglich. Neuwirth und Jelinek bieten dem Zuschauer ein Szenario an, doch entpuppen sich alle Dialoge immer mehr als eigentlich inhaltslos, zugunsten eines vielschichtigen Abbilds von Seelenräumen, die weder Anfang, noch Mitte, noch Ende kennen. Die Musik beschränkt sich nicht auf Illustrierung oder Karikierung der Obsessionen, sondern quillt gewissermaßen aus den Schädeldecken der Personen hervor, zeichnet die psychosozialen Prozesse bis ins Kleinste nach. Es entsteht ein spannend alptraumhafter Dialog zwischen Film und Musik, ständig am Rande des Abgrunds wandelnd, zwischen Horror und Gewalt, der Grund und Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz verstörend untersucht.

David Lynchs Film ist eine Expedition in die Vorstellungswelt eines Mannes, der aus Eifersucht seine Frau umbringt und in eine andere Identität flüchtet. Dieser äußere Vorgang dient als Abbild allgemeinmenschlicher seelischer Bedrängungen und Ängste, eine Parabel über Gier und Sehnsucht, Angst und Schmerz, Brutalität und Grausamkeit des Seins.

Neu und ungewöhnlich ist nicht nur die veränderte Erzählstruktur, die Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek virtuos auf die Bühne gebracht haben. Selten erlebt man eine so schonungslose Darstellung des Horrors auf der Bühne, eine so konsequente Dekonstruktion und Eskalation. Je grausamer das Geschehen der Filmvorlage, desto eigenständiger wird Olga Neuwirths Musik. Unerträglich fast der Gegensatz zwischen dem ausführlich verreckenden Mr. Eddy, der nur noch gurgelnde Kehllaute von sich geben kann, und pulsierenden Bläserwellen, die sein Sterben rhythmisch aushauchend begleiten. Von Bedeutung sind auch die unterschiedlichen Register der Sprachfarben, die vom nuschelnden Flüstern über dreckigen Gangster-Slang zu hysterischem Losprusten mit allen erdenklichen Zwischentönen reichen. Hier haben Sprache und Gesang jeweils eigene Funktionen; der auf der Bühne singende Mensch bedarf tatsächlich einer Rechtfertigung, und Olga Neuwirth setzt die unterschiedlichen Ebenen sprachlicher Gestaltung mit feiner Raffinesse ein.

Musik dient schließlich auch dazu, das Unausgesprochene darzustellen. In ‘Lost Highway’ findet ein einziges Totschweigen offener Fragen statt, Schweigen und dementsprechende Informationslosigkeit werden zur Demonstration von Macht und Hörigkeit. Zuletzt verebbt das laute Schreien von Fred, der Hauptperson des Werkes: in vollkommener Stille – und Stille kann sehr laut sein – liegt der ‘Lost Highway’ vor dem Betrachter. Zurück bleiben die Erinnerung an ‘Gewalt, Liebe, Verlust und Schmerz’. Und an dieser Endstation offenbart sich eine Ahnung von einem anderen Lebensentwurf trotz aller kalten Mechanik, die menschliche Handlungen bestimmt.

Die eindringliche Musik wird von den Musikern des Klangforum Wien unter der Leitung von Johannes Kalitzke virtuos dargeboten. Zusammen mit dem präzisen Einsatz der Elektronik durch das Institut für Elektronische Musik und Akustik der Grazer Musik-Universität wird dem Hörer etwas geboten, das mit lautmalerischer Filmmusik glücklicherweise wenig zu tun hat. Dissonante Grimassen, ähnlich den Masken, unter denen die Akteure ihre Identität verbergen, mischen sich mit löchrigen Zitaten von Monteverdi bis Lou Reed.

Das engagierte Sängerensemble gibt die facettenreiche Farbpalette von Neuwirths Stimmregistern mit hingebungsvoller Genauigkeit wieder, dass selbst im heimischen Wohnzimmer die abgrundtiefe Seelenwelt von Lynchs Figuren schauderhaft lebendig wird. So innovativ kann Musiktheater heute sein. Eine Aufnahme, die beweist, dass ‘Operngeschichte’ weitergeschrieben wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neuwirth, Olga: Lost Highway

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
13.04.2007
Medium:
EAN:

SACD
9120010281044


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Neuwirth, Olga


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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