> > > Monteverdi, Claudio: L'Orfeo
Sonntag, 28. November 2021

Monteverdi, Claudio - L'Orfeo

Doppelt historisch


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Barockoper aus einer Zeit, in der die historische Aufführungspraxis noch nicht einmal in ihre Kinderschuhe passte. Helmut Kochs Orfeo-Einspielung von 1949 demonstriert historische Aufführungspraxis im ganz eigenen Sinn.

Wie brachte man 1949 ein Werk aus dem frühen 17. Jahrhundert zu Gehör? Die Pioniertaten historischer Aufführungspraxis wurden erst einige und etliche Jahre später von August Wenzinger und Nikolaus Harnoncourt realisiert. Als Helmut Koch im November und Dezember 1949 daran ging, mit der von ihm gegründeten Solistenvereinigung des Berliner Rundfunks und dem ebenfalls von ihm ins Leben gerufenen Kammerorchester Berlin Claudio Monteverdis ‚L’Orfeo’ einzuspielen, war noch keine Originalklangdebatte entbrannt, war die Forschung im Hinblick auf akribische Partiturrekonstruktionen noch nicht so weit, wurde noch ganz im Geiste und aus dem Geiste des Musikdramas des 19. Jahrhunderts heraus musiziert. An prominenten Bearbeitungen von Monteverdis ‚L’Orfeo’ mangelte es nicht: Vincent d’Indy, Hans Erdmann, Carl Orff, Ottorino Respighi und Paul Hindemith – sie alle widmeten sich dieser Oper. Helmut Kochs Einspielung basiert auf der Bearbeitung durch Hans Striehl, der vergleichsweise behutsam und schlüssig Monteverdis Partitur ‚rekonstruierte’.

Historisch in ganz eigenem Sinn

Geradezu Unorthodox und unidiomatisch klingt uns hier Monteverdis ‚L’Orfeo’ entgegen: historische Aufführungspraxis in einem ganz eigenen Sinn, nämlich eine Praxis, die aus der Situation der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen und zu hören ist. Ein sattfarbenes Streichinstrumentarium, das vibratoreich und klangintensiv in großen Bögen phrasiert, als habe nicht Monteverdi, sondern Puccini seine Hand im Spiel, dient Helmut Koch gleichsam als Grundausstattung seiner Lesart. Hinzu treten – unerlässlich – Cembalo, Harfe, Blockflöten, Harmonium und ein Blechbläserchor, den man sehr gerne weitaus sauberer intonieren hören würde wollen, ebenso wie so manche Solostreicher-Passage. Im Blick auf Tempi und kernig rhythmisches Musizieren geht Koch keine Waghalsigkeiten ein, so dass ein Hauch von bequemer Gediegenheit diese Aufnahme umweht, der sich auch der Chor, der großbesetzt und stimmgewaltig, aber durchaus homogen intoniert, unterzuordnen hat.

Noch weit entfernt von der barocken Phrasierung und dezidierten Affektdarstellung der Musik Monteverdis, bieten die Solisten dieser Einspielung eine durchaus dramatisch aufgewertete Exegese der Gesangspartien, mit mehr breit phrasiertem Pathos denn mit kleingliedriger Textausdeutung. Immer jedoch dynamisch fein abgestuft und wunderbar gebunden ausgesungener Linie. Der seinerzeit bereits 50jährige Max Meili singt den Orfeo bereits nicht mehr mit jugendlicher Stimmkraft und Klangoffenheit und lässt ab und an die Präzision der Intonation schleifen, formt aber seine Rolle mit enormer Binnenspannung aus. Mit seinem Klagegesang über Euridice gelingt ihm gar ein trefflich ergreifender Moment. Die zu früh verstorbene Elfriede Trötschel, in den Jahren der Naziherrschaft Mitglied der Dresdner Staatsoper und später an der Berliner Komischen Oper, glänzt mit ihrem nuancenreich weichen Timbre und einem gut abschattierten und ausbalancierten Katalog an Ausdrucksmitteln für die Liniengestaltung. Auch das übrige Personal der Oper ist stimmlich vorzüglich besetzt, allen voran Werner Kahl als Plutone bzw. Caronte oder Eva Fleischer als Musica bzw. Messagiera.

Restriktionen der Klangqualität muss man angesichts des Alters der Aufnahme und der Aufnahmetechnik freilich hinnehmen. Der monaurale Klangraum ist sehr weit gefasst und Orchester und Chor erklingen teils wie aus weiter Entfernung, während der Solistengesang sehr präsent aufgezeichnet wurde und mit steigender Dynamik ab und zu übersteuert. Dennoch ist diese Aufnahme weniger ein Kuriosum als vielmehr ein nicht unwichtiges historisches Tondokument.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: L'Orfeo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
2
28.03.2007
1949
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124331429
0033142BC


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"Diese Historische Aufnahme dokumentiert ein fast gewagtes Experiment. HELMUT KOCH, vielseitig engagierter Chorleiter und Aufnahmeleiter, nahm sich im Jahr 1949 des frühesten bedeutenden Opernwerkes an, Monteverdis Orfeo - lange vor den ersten Pionieren der Historischen Aufführungspraxis. Er setzte dieses damals kaum bekannte Werk mit einem großartigen Sängerensemble um - ein einzigartiges Dokument der Aufführungspraxis Alter Musik."


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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