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Dienstag, 29. September 2020

Haydn, Joseph - Sinfonien Nr. 88 & 101

Klangerlebnis Esterházy


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die CD gibt einen erstklassigen Ausschnitt vom Gesamtrepertoire der Haydn Philharmonie unter ihrem Initiator Adam Fischer. Zusammen mit den musikgeschichtlichen Ausführungen und dem neuen Klangkonzept eine wertvolle Produktion an historischem Ort.

‘Begeben wir uns zurück in das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts’, könnte der Untertitel der unlängst beim Label MDG erschienenen CD mit Werken des Wiener Klassikers Joseph Haydn lauten. Und welcher Dirigent käme dafür besser in Frage als der international renommierte Adam Fischer, der in knapp 60 Minuten den Hörer in die haydnschen Kompositionen eintauchen lässt. Natürlich geschieht dies auf ganz besondere Weise, wovon die rückwärtige Fotografie des Booklets einen Eindruck gibt. Da steht die von Fischer gegründete österreichisch-ungarische Haydn-Philharmonie an der originalen Wirkungsstätte Haydns, im Festsaal des Schlosses Esterhazy. Dieser Ort verleiht den zwei Sinfonien Nr. 88 und 101 sowie der Ouvertüre zur Opera seria ‘L´isola disabitata’ den historischen Rahmen, aus dem der Dirigent einen festlichen wie feinsinnigen Klang zu formen weiß.

Bereits die Sinfonie Hob. I: 88 ‘The Letter V’ beeindruckt in ihrer klassischen Geschlossenheit und ihrem stringenten Spannungsbogen, den Adam Fischer kontinuierlich bis zum letztem Satz aufrechtzuerhalten vermag. In der typischen Eingangssatzkonstellation erwächst aus einem langsamen Einleitungsteil im Adagio ein frisches und unbeschwertes Allegro. Auffällig hier vor allem die gut artikulierten, vitalen Passagen der Violinen, die aber auch in dezenteren Einwürfen ihre Klarheit nicht verlieren. Schließlich bricht das überaus intensive Wiegen des dreigliedrigen Metrums mit besonders starker Behandlung der Pauken hervor, mit der Haydn eine ganz individuelle Gestaltung schafft, welche das Menuett aus seinem oft auch graziösen Kontext löst. Energisch treibt Adam Fischer die Haydn-Philharmonie durch den vierten Satz Finale.Allegro con spirito, ohne das ‘con spirito’ zu vernachlässigen. Gerade der disziplinierte Bläsereinsatz zu Beginn, den die Streicher in lockerer Manier aufnehmen, stellt den übersprudelnden Fortgang des Satzes bis zum Schluss noch eindrucksvoller heraus.

Haydns Werk aus dem Jahr 1788 entsteht im kompositorischen Übergang zur sinfonischen Spätphase, welche sich auch in der folgenden Sinfonie Nr. 101 zeigt. Insbesondere nimmt der Grad an Dramatisierung zu, der in einer ausgefeilteren Satzstruktur des thematischen Materials und seiner Verarbeitung hervortritt.

Klug erscheint auch die konzeptionelle Einrichtung der Aufnahme: Zwischen den beiden Sinfonien wird der Blick geweitet und in einem kurzen Intermezzo auf das Opernschaffen Joseph Haydns gelenkt. Nicht zuletzt aufgrund der Dominanz und Qualität der Gattung im Schaffen seines Kollegen und Freundes W. A. Mozart scheinen Haydns Bühnenmusiken ein Schattendasein zu führen. In diesem Kontext versucht Adam Fischer ein wenig Erkenntnis in diesen Schaffensbereich zu bringen und nimmt sich der Ouvertüre zur sog. Festa teatrale L´isola disabitata’ Hob. XXVIII:9 an. Jene Opera seria recht kleinen Ausmaßes basiert vornehmlich auf einer Handlung, die von einem getrennten Liebespaar erzählt, das sich am Ende in einer idyllischen Szenerie wiederfindet. Die Musik scheint diese wesentlichen Handlungselemente schemenhaft skizzieren zu wollen. Fischers Interpretation zeichnet sich vor allem durch das klassische Maßhalten im schnellen Teil der Ouvertüre aus. Selten lässt er sein Orchester wirklich im eigentlich vorgeschriebenen Vivace assai brillieren. Doch angesichts der dramatisch erhabenen Inhaltsvorausdeutung erscheint es einleuchtend, dass der Dirigent zugunsten dieser Wirkung die Virtuosität mit Nachsicht behandelt. Genau wie die meisten anderen Opern, die Haydn schuf, steht auch L´isola disabitata in der Tradition der für das fürstliche Opernhaus in Esterháza eigens komponierten Bühnenwerke.

Einen besonderen Glanzpunkt seines sinfonischen Schaffens sowohl in zeitlicher Ausdehnung wie in der gereiften Anwendung satztechnischer Prinzipien stellt die Sinfonie Hob. I: 101 ‘The Clock’ / ‘Die Uhr’ dar. Ihren Namen erhielt sie aufgrund der besonders prägnanten Pendelbewegung der begleitenden Instrumente im zweiten Satz, welche auch von melodieführenden Instrumenten in kurzen Phrasen aufgenommen wird.

Insgesamt beeindruckt das Werk durch seine für Haydn großangelegte Besetzung vor allem mit dem intensiven Einsatz der Pauken in allen Sätzen. Vor allem in den Ecksätzen entfaltet die Haydn-Philharmonie ihre individuelle Klasse in der Interpretation ihres Namensgebers. Adam Fischer kann hier aus der langjährigen Erfahrung mit der Aufnahme sämtlicher Haydn-Sinfonien schöpfen, was eine vorzügliche Ausgeglichenheit der Stimmen zur Folge hat. So sind im Presto-Teil des ersten Satzes nach einer dezent abgestimmten Einleitung zahlreiche Verarbeitungsansätze der Motivik diszipliniert herausgearbeitet. Fischer stellt insbesondere im zweiten Satz das Nebeneinander zurückhaltender Gestik und tänzerisch-majestätischer Tonsprache heraus. Mit der von Adam Fischer sehr lebendig interpretierten, schwebenden Leichtigkeit des letzten Satzes Finale. Vivace nimmt die Sinfonie ein ähnlich prachtvolles Ende wie Nr. 88. Auch wenn die dynamische Steigerung von einigen feingliedrigen Violinpassagen hinausgezögert wird, so fügen sie sich harmonisch in den weitausladenden Schlussbogen ein, der diese Aufnahme majestätisch beschließt

Fischer versteht es brilliant, auch in dezenten Passagen die Haydn-Philharmonie nicht in der detaillierten Gestaltung feiner dynamischer Nuancen loszulassen sondern den Spannungsbogen in klarer Artikulation stets aufrechtzuerhalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Torsten Fischer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Sinfonien Nr. 88 & 101

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
23.02.2007
Medium:
EAN:

SACD
760623144160


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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