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Donnerstag, 9. Dezember 2021

Hauer, Josef Matthias - Orchesterwerke

Lustvolle Erkundung von Klangräumen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine SACD mit dem Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Gottfried Rabl führt in die strenge Welt der Orchesterwerke Josef Matthias Hauers ein.

Die eigenwillige Zwölftonmusik des Wiener Komponisten Josef Matthias Hauer (1883-1959) ist nach einigen dankenswerten Veröffentlichungen des vergangenen Jahrzehnts glücklicherweise nicht mehr ganz unbekannt, obgleich sie eigentlich noch weit mehr Interesse verdient hätten. Die vorliegende SACD aus dem Hause cpo mit Aufnahmen des Radio-Symphonieorchester Wien unter Leitung von Gottfried Rabl kommt daher gerade recht – erweist sie sich doch in der Tat als diskografische Bereicherung, da sie einen umfassenden Einblick in Hauers Werke für Orchester aus den verschiedenen Phasen seines Schaffens gibt.

Rabl interpretiert die Kompositionen als lustvolle Erkundung von Klangräumen. Mit diesem Ansatz wird er dem Farbenreichtum der Partituren gerecht und löst die Problematik ihrer Interpretation auf sehr spezielle Weise, denn die manchmal beinahe nüchternen kompositorischen Gebilde, für die es bislang kaum eine Aufführungstradition gibt und die erst seit den Neunzigerjahren verstärkt das Interesse von Musikern geweckt haben, gewinnen dadurch ein deutliches Profil. Unterstützt wird er hierbei von einem meist exzellent und präzise musizierenden Orchester, dem die Umsetzung der Musik trotz der Schwierigkeiten hörbar Freude bereitet.

In der ‘Apokalyptischen Fantasie’ op. 5 (1913) liegt der Akzent auf einer Darstellung der Intervallqualitäten und deren quasi gestischer Funktionen, was der Musik eine ganz eigene Dramatik verleiht und – trotz der mitunter massiven Fortepassagen und Blechbläserattacken – zu einer durchsichtigen Zeichnung der Klanggebilde führt. Besonders eindrücklich ist die Wiedergabe von Hauers ‘Romantischer Fantasie’ op. 37 (1925) geraten, in deren Verlauf sich Passagen von betörend schöner Farbenpracht mit archaisch anmutenden Klängen abwechseln. Und im Hinblick auf die ‘VII. Suite für Orchester’ op. 48 (1926) gelingt den Ausführenden in der Aufeinanderfolge aller fünf Einzelsätzen trotz deren Verwandtschaft im Hinblick auf Instrumentation, rhythmischer Strukturierung und Klanglichkeit eine spannende Werkwiedergabe.

Besonders packend musiziert ist das 1928 entstandene Konzert für Violine und Orchester op. 54, das in Thomas Christian einen versierten Interpreten findet. Der Geiger weiß dem teils sehr unangenehm zu musizierenden Violinpart mit seinen häufig recht abstrakt anmutenden Figurationen viel Leben einzuhauchen. Dabei versieht er nicht nur die Läufe und Akkorde mit vielfach abgestuften Farbwerten, sondern lässt auch im langsamen Mittelsatz die Schönheit der Kantilene warm und in klangsinnlicher Intensität erstrahlen. Auch die Darstellung des Orchesterparts mit seiner Flächigkeit, aus der sich immer wieder einzelne Instrumente herausschälen, erreicht in diesem Largo einen unbestreitbaren Höhepunkt.

Die bewusst herbeigeführte Nähe zur – teils ausgebremsten – spätromantischen Klangpracht, das ständige Balancieren auf der Grenze zwischen Neuheit und Tradition verleiht der Einspielung auch in den beiden ‘Zwölftonspielen’, vom Komponisten auf ‘9.08.1957’ und ‘22.09.1957’ datiert, eine besondere Wirkung. Aus Hauers strengen konstruktivistischen Entscheidungen ergibt sich eine vorwiegend flächig konzipierte Musik, die den Interpreten insofern vor große Probleme stellt, als es hier auf die Herausarbeitung der wenigen rhythmischen Impulse ankommt. Genau das gelingt den Musikern, obgleich das Orchester in Bezug auf die Intonation leider ein wenig schwächelt.

Der ausgezeichnete Booklettext von Robert Michael Weiß ergänzt die musikalischen Leistungen dieser Produktion um kompetent präsentierte Details zu Hauers Arbeit, was sehr viel zum Verständnis seines Komponierens beitragen kann und sich als ideale Einführung in das faszinierende Schaffen des österreichischen Außenseiters erweist. Insgesamt ist dies eine spannende und lohnenswerte Produktion, die jedoch auch Bereitschaft zum konzentrierten Zuhören erfordert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hauer, Josef Matthias: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
01.01.2007
72:54
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
017685118821
cpo 777 154-2


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Hauer, Josef Matthias
 - Apokalyptische Phantasie op. 5 -
 - Romantische Phantasie op. 37 -
 - VII. Suite op. 48 -
 - Violinkonzert op. 54 -
 - Zwölftonspiel - 9.08.1957
 - Zwölftonspiel - 22.09.1957


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Dirigent(en):Rabl, Gottfried
Orchester/Ensemble:Radio Symphonieorchester Wien
Interpret(en):Christian, Thomas


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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