> > > Verdi, Giuseppe: Falstaff
Dienstag, 20. August 2019

Verdi, Giuseppe - Falstaff

Verdis letzter Versuch


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer einen szenisch klugen, optisch keinesfalls überladenen und dazu sängerisch wie orchestral erstklassigen Fallstaff sucht, ist mit dieser italienischen Produktion mehr als gut bedient.

Giuseppe Verdi hatte zeitlebens mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass ihm, dem bedeutendsten italienischen Komponisten von Musiktheaterdramen des 19. Jahrhunderts, ein all zu ernstes Naturell zueigen sei, das ihn geradezu impotent scheinen ließe für das Verfassen komischer, heiterer Opern. Un giorno di regno aus dem Jahr 1840 blieb zunächst sein einziger Versuch einer Opera buffa, der jedoch gleich nach der desaströsen Premiere wieder vom Spielplan der Mailänder Scala verschwand. Umso erstaunlicher ist, dass sich der aus Le Roncole stammende Komponist 53 Jahre später mit einer echten komischen Oper aus dem produktiven Musikleben verabschiedete. Sein 1893 im Teatro alla Scala uraufgeführter Falstaff ist der zwingende Beweis, dass eingangs erwähnte ‚Unfähigkeit zum Humor’ als kurzsichtige Fehleinschätzung gelten muss. Nicht zuletzt die im Otello erstmals vollzogene Zusammenarbeit mit dem fast dreißig Jahre jüngeren Arigo Boito, der weniger als Komponist (als der er sich eigentlich sah) sonder eher als Dichter und Übersetzer geschätzt wurde, erfuhr im Falstaff-Projekt eine Fortführung und trug zu dessen großem Publikumserfolg erheblich bei. William Shakespeares ‚Die lustigen Weiber von Windsor’ diente beiden als Librettogrundlage, in dessen Zentrum die skurrile Figur des ebenso fetten wie unverschämten Ritters Sir John Falstaff steht, der dem Geld anderer ebenso verfallen ist, wie deren Frauen. Ihn dafür in zwei voneinander unabhängigen Vorgängen zu bestrafen, trachten sieben der Handlungsträger; einzig Fenton und Nannetta kämpfen, einer scheinbaren Parallelhandlung entsprungen, mit ihrem eigenen Schicksal.

Die oberflächlich betrachtet eher einfache, doch durchaus unterhaltsame Handlung lässt viel Spielraum für das Herausarbeiten ganz unterschiedlicher Charaktere, deren Handlungsmotivation keinesfalls in Nächstenliebe und Rachegefühlen allein begründet liegt. Diese zu ergründen war sicher nicht das Anliegen des Regisseurs Ruggero Cappuccio auf vorliegender DVD aus dem Verdi-Jahr 2001. Die im geradezu miniaturhaften Teatro Verdi in Busseto (dem langjährigen Wohnsitz des Komponisten) entstandene Produktion der Mailänder Scala orientiert sich an einer Inszenierung aus dem Jahr 1913, die an gleicher Stelle stattfand und von großer Liebe für Ausstattungsdetails geprägt ist. Die recht kleine Bühne des knapp 320 Besucher fassenden Hauses lässt wenig Platz für ausschweifendes Aktionstheater, so dass den Sängern eine gehörige Portion Verantwortung zufällt, um den doppeldeutigen Graben zwischen Note und Publikum nicht zu groß werden zu lassen. Nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt muss die Sängerriege als großes Glück betrachtet werden.

Ambrogio Maestri in der Titelrolle hat sich längst als einer der fähigsten Falstaff-Interpreten in der Opernszene einen Namen gemacht. Sein wohlig strömender Bariton, der sich nicht zuletzt durch eine erstaunlich große Farbpalette und umfangreiche klangliche Flexibilität auszeichnet, ist von beeindruckender Präsenz und klarster Diktion. Sir John ist in seiner Deutung keinesfalls ein abschreckendes Scheusal, dessen Handeln von Kulturlosig- und Triebhaftigkeit gezeichnet wäre. Seine durchaus bemitleidenswerte, die küchenphilosophisch-komische Seite Falstaffs wird von Maestri in den Mittelpunkt gerückt. Roberto Frontali gibt einen ebenso stimmgewaltigen, wie manisch eifersüchtigen Ford, dessen Präsenz für sich einzunehmen versteht. Mit dem jungen Juan Diego Flórez ist die verträumt-romantische Figur des Fenton stimmlich nahezu ideal besetzt. Sein Tenor ist weich und tragfähig zugleich, geprägt von müheloser Eleganz; ganz Belcanto ‚at its best’. Die Partien von Dr. Cajus, Bardolfo und Pistola sind in den Händen von Ernesto Gavazzi, Paolo Barbacini und Luigi Roni in guten Händen, wobei vor allem die beiden Letzteren auch darstellerisch eigene Marken gekonnt setzen.

Auch die Damenriege, allen voran Barbara Fritoli als Alice, ist von wahrlich erlesener Qualität. Der Stimme Fritolis bekommt der Ausflug ins Buffo-Metier wesentlich besser, als ihre Puccini-Versuche. Der dunkle, etwas gedeckelte Klang ihres Organs lässt Alice zu einer recht reifen Person werden, die jedoch mit großer Biegsamkeit Koloraturen zu meistern versteht und sich gleichzeitig ganz ausgezeichnet in die homogenen Ensembles fügt. Bernadette Manca di Nissa ist als Mrs. Quickly ein besonders großes Vergnügen. Sie versieht Ihre Party mit dezenter Theatralik und bauchiger Stimme und schafft so ein schlüssig-bissiges Portrait einer auf Augenhöhe mit Falstaff agierenden Frau. Meg Pages Rolle hingegen ist dramaturgisch eher von undankbarere Art, doch nutzt Anna Caterina Antonacci die Gunst der Stunde und singt sich mit schlankem, flexiblem und zugleich nervigem Sopran ins Gedächtnis des Opernfreundes. Auch Inva Mulas Nanetta ist von beachtenswerter Qualität; ein Mehr an Gestaltungsfreude bei kantablen Linien und darstellerischer Persönlichkeit hätten der Partie jedoch sicher nicht geschadet.

Am Pult das angenehm schlank agierenden Orchestra del Teatro alla Scala, das sich in ganz ausgezeichneter Verfassung präsentiert, steht mit Riccardo Muti ein alter Falstaff ‚Hase’, unter dessen unprätentiöser Stabführung erstaunliche Farbeffekte und klangliche Gegensätze entstehen: von Streichquartettintimität bis hin zum vollen Otello-Sound leisten die Musiker hier Erstaunliches.

Wer einen szenisch klugen, optisch keinesfalls überladenen und dazu sängerisch wie orchestral erstklassigen Fallstaff sucht, ist mit dieser italienischen Produktion mehr als gut bedient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Frank Bayer,


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    Verdi, Giuseppe: Falstaff

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Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:
EAN:

DVD
880242517289


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

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