> > > Camerata Wales: spielt Werke von Elgar, Delius, Holst, Warlock, Hughes
Montag, 18. Oktober 2021

Camerata Wales - spielt Werke von Elgar, Delius, Holst, Warlock, Hughes

Antrittsbesuch bei den britischen Klassikern


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ihrem Debut-Album als Antrittsbesuch bei den Klassikern britischer Orchesterliteratur legt die Camerata Wales unter Owain Arwel Hughes einen fulminanten Start auf dem Plattenmarkt hin. Wunderbar ausgehört, prägnant phrasiert.

Die Debut-CD hat zwar eine ganze Weile auf sich warten lassen, doch nun ist es endlich so weit: die gerade mal zwei Jahre alte Camerata Wales feiert Plattenpremiere bei BIS. Owain Arwel Hughes, ‚Principal Associate Conductor’ des Royal Philharmonic Orchestra, gründete das walisische Orchester 2005 mit dem Ziel, in Wales ein Ensemble von internationalem Rang zu etablieren. In seiner Heimstatt Cardiff, in ganz Wales und auf ausgedehnten Konzertreisen gibt das Orchester inzwischen Konzerte. Seine Mitglieder rekrutiert es aus führenden freischaffenden walisischen Musikern und Ensemblemitgliedern der Londoner Orchesterszene. Eine solide Grundlage, auf die Owain Arwel Hughes da aufbauen kann. Der in Großbritannien populäre Hughes, der durch seine BBC-Serie ‚The Much-Loved Music Show’ einem breiten Publikum das klassische Repertoire näher gebracht hat, verlässt sich auch in seinen Konzertprogrammen auf das kontinentale symphonische Erbe der Klassiker wie Beethoven und Mendelssohn, um die junge Camerata Wales gleichsam hoffähig zu machen. Den discographischen Antrittsbesuch indes machen Hughes und die Camerata Wales bei den Klassikern der britischen Heimat – mit einer durchaus einprägsamen, klangvollen Visitenkarte.

Auf Nummer Sicher gegangen – und gewonnen

Bloß keine Experimente mit ungewohntem Repertoire bei Debut-Alben. Lieber auf Nummer Sicher gehen und mit oftmals Eingespieltem sein Können unter Beweis stellen. Das ist der unkomplizierteste Weg, sich erstmals discographisch zu präsentieren. Und Owain Arwel Hughes ist auf Nummer Sicher gegangen, erweist mit der Camerata Wales den Klassikern britischer Orchesterliteratur die Referenz. Das Label BIS weiß, was es tut, denn schließlich hat Hughes bereits mit den fulminanten Einspielungen der Symphonien von Rachmaninow und Vagn Holmboe für BIS bewiesen, wie man vermeintliches Randrepertoire aufwerten kann. Nun sind Elgars ‚Serenade in e minor for Strings’ und seine ‚Elegy’ sowie Peter Warlocks ‚Capriol Suite’, Frederick Delius’ ‚Two Pieces for small Orchestra’ und Gustav Holsts ‚St. Paul’s Suite for String Orchestra’ kein Randrepertoire – und schon gar nicht in Großbritannien. Auch auf dem Cover darf das satte Grün von South Herefordshire nicht fehlen und suggeriert dem Hörer noch bevor er die CD einlegt: hier erwartet dich die musikalische Stimme Englands. Aber der subtile Clou dieser Debut-CD der Camerata Wales ist nämlich, dass anstelle der eigentlich zu erwarten gewesenen ‚Tallis-Fantasia’ von Ralph Vaughan Williams die ‚Fantasia in A minor’ des discographisch gänzlich unterrepräsentierten Arwel Hughes senior (1909-1988) aufgenommen wurde und in Hughes junior einen optimalen Promoter findet.

Nicht ganz zu erklären ist der Umstand, warum dieses Debut-Album fast ausschließlich aus Streicher-Literatur besteht, sieht man von Delius’ ‚On hearing the first Cuckoo in Spring’ und ‚Summer Night on the River’ ab. Die etwaige Angst, das junge Orchester könne in der relativ kurzen Zeitspanne seiner Existenz noch keine stringente Homogenität erreicht haben, kann nicht mitgeschwungen haben, denn dazu sind die bisherigen Konzertkritiken zu gut ausgefallen und außerdem belegen die beiden Stücke von Delius genau das Gegenteil: so fein ziseliert, so zart ausbalanciert in den Phrasen und duftig-luftig farbig sind die Delius-Partituren ausdifferenziert worden, so intensiv die Transparenz der Textur ausgelotet, dass überhaupt kein Zweifel an der intonatorischen und expressiven Integrität des neuen Orchesters aufkommt. In den reinen Streicherstücken feiert ein satter, pulsierender Klang, ein tiefengestaffelter, samtweicher Ton fröhliche Urständ, wie man ihn seit den Tagen Barbirollis kaum mehr zu hören bekam. Hughes lässt in seinem Dirigat den Bogenstrichen zwar griffige Akzente angedeihen, so dass die Musik etwas mehr Kantigkeit und Oberflächenschärfe als gewohnt gewinnt, tariert diese unweigerliche Spannkraft jedoch maßvoll durch die Einforderung eines subtil profunden Vibratos aus. Die Ambition der Musikerinnen und Musiker findet ihre Entsprechung in der Emotion ihres energetischen, lebendigen Spiels.

Mit Verve widmet sich Owain Arwel Hughes der ‚Fantasia’ seines Vaters, die das Vorbild des Lehrers – Ralph Vaughan Williams – nicht abstreiten kann und vielleicht auch gar nicht will. Die mitunter krude Textur des Stücks arbeitet Hughes großbogig und linear heraus. Die kernigen Tempi, die Hughes in Holsts ‚St. Paul’s Suite’ anschlägt, hätten auch der ‚Capriol Suite’ von Peter Warlock gut getan, wo doch trotz der Intensität des Satzes die eine oder andere Steigerung des Tempos anzuraten gewesen wäre. Herrlich klar in der Linienführung präsentiert die Camerata Wales Elgars ‚Serenade’. Dass die Camerata Wales auf dem besten Wege ist, sich zu einem Orchester von Weltformat zu mausern, zeigt die abschließende ‚Elegy’, Elgars hoch emotionalem Stück aus dem Jahr 1909. In einer derart differenzierten Abschattierung der Dynamik und interaktiven Binnenspannung zwischen den Stimmen und einer solchen Intensität weitgespannter Phrasierung hat man dieses fünfminütige Meisterwerk nur selten gehört. Diese Interpretation macht Barbirollis Referenzeinspielung aus den 60er Jahren wahrhaft Konkurrenz. Ein tiefen- und höhengestaffeltes plastisches Klangbild runden dieses durchweg gelungene Debut-Album der Camerata Wales bestens ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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    Camerata Wales: spielt Werke von Elgar, Delius, Holst, Warlock, Hughes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.02.2007
Medium:
EAN:

CD
7318590015896


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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