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Sonntag, 29. Mai 2022

Nielsen, Carl - Klarinettenkonzert

Klarinettenkonzerte für Neugierige


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der schwedische Klarinettist Martin Fröst brilliert, unterstützt vom Sinfonieorchester Lahti unter Osmo Vänskä, mit Konzerten von Carl Nielsen und Kalevi Aho.

Kennen Sie Martin Fröst? Falls nicht (und falls Sie Bläserkonzerte nicht grundsätzlich ablehnen), sollten Sie sich vielleicht einmal die Mühe des Kennenlernens machen. Denn beim Anhören seiner neuesten Aufnahme, als SACD beim Label BIS erschienen, bekommt man das Gefühl, dass er die Möglichkeiten seines Instruments neu erfindet. Was der schwedische Klarinettist hier mit einem Reichtum an instrumentaler Brillanz auf der einen und interpretatorischer Sensibilität auf der anderen Seite präsentiert, ist schlichtweg faszinierend, zumal es nicht nur auf die Verfestigung des üblichen Repertoires zielt, sondern auch ausdrücklich Neues einbezieht. Zwei Klarinettenkonzerte nordeuropäischer Provenienz hat Fröst gemeinsam mit der Sinfonia Lahti unter Leitung von Osmo Vänskä eingespielt und damit – nach seiner hervorragenden Aufnahme mit Carl Maria von Webers Werken für Klarinette und Orchester aus dem vergangenen Jahr – ein weiteres Mal Maßstäbe gesetzt.

Ein moderner Klassiker – neu gelesen

Die erste Komposition, Carl Nielsens Klarinettenkonzert op. 57 aus dem Jahr 1928, gehört knapp achtzig Jahre nach seiner Entstehung zum Standardrepertoire guter Klarinettisten (oder solcher, die sich dafür halten) und liegt mittlerweile auch in mehreren Produktionen vor. Keine der mir bekannten Aufnahmen, auch nicht jene mit Olle Schill (BIS 1996) oder Kjell-Inge Stevennson (EMI 1998), reichen jedoch an die musikalische Dichte von Frösts Werkwiedergabe heran. Dieser spielt den schwierigen Solopart mit einer Souveränität, die ihm jederzeit volle Kontrolle über die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments erlaubt. Dabei wirkt jeder einzelne Takt bis in die kleinsten Details hinein durchdacht und in seinen Wirkungen kalkuliert.

Schon der Beginn ist stark: Das Hauptthema des einsätzigen Konzerts, vom Orchester sehr sprachnah artikuliert, wird vom Klarinettisten aufgegriffen und wie eine Rede weitergesponnen, aus der sich in der Folge im Wechselspiel mit dem Orchester ein Dialog zwischen zwei gleichberechtigten Partnern entwickelt. Wunderschön ist auch der Moment, wenn Fröst mit butterweichem Klang das zweite Thema im hohen Register anstimmt, in das dann die Streicher in der tieferen Lage mit einstimmen. Die Kadenz im ersten Werkteil reicht dynamisch vom Klang, der aus dem Nichts kommt und sich an den Rändern des Hörbaren bewegt, bis hin zum klaren strahlenden Forte, wobei Fröst selbst noch die „al niente“ verklingenden Tonhöhen abwechslungsreich einzufärben vermag.

Dann sind da noch die scheinbar so einfach klingenden Legatolinien im „Poco adagio“-Abschnitt, die sich durch eine ungemeine Geschmeidigkeit auszeichnen, während im letzten Teil der Übergang von der brillanten Kadenz in die tragisch gefärbte Kantilene eine der stärksten Wirkungen zurücklässt. Dies alles zeigt, wie aufmerksam Fröst an jeder noch so schlichten Phrase feilt, um die wechselnden Farben und Stimmungen adäquat herauszuarbeiten. Ebenso differenzierungsfähig spielt auch das Orchester, dessen orchestrale Begleitstrukturen teilweise extrem fein und dennoch spannungsreich ausgehört sind.

Erweiterung des Klarinettenrepertoires

Der Höhepunkt der SACD ist jedoch Kalevi Ahos Klarinettenkonzert von 2005. Als Fröst 2003 den bedeutenden Preis des Borletti-Buitoni-Trusts für junge talentierte Musiker entgegennahm, entschied er sich, die Prämie für ein neues Klarinettenkonzert zu verwenden, das er bei dem finnischen Komponisten in Auftrag gab. Das Ergebnis, ein rund halbstündiges Werk, dessen fünf Sätze ohne Pause ineinander übergehen, erweist sich als außergewöhnlich starkes Konzert, das mit viel Sinn für die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments komponiert wurde. Es ist Fröst förmlich auf den Leib geschrieben, stellt aber für den Solisten auch einen wahren Kraftakt dar, der ihn in instrumentaltechnischer Hinsicht alles abverlangt.

Das Orchester steigert sich hier zu wahren Höchstleistungen: Die hart angerissenen Akkorde des Beginns werden förmlich in den Raum gemeißelt, wirken wie kraftvoll geformte Klangplastiken, die immer wieder von minutiös geformten Klarinettenkantilenen unterbrochen werden. Momente wie der lyrische Dialog zwischen solistisch eingesetzter Flöte und Klarinette, die virtuose Kadenz im zweiten Satz oder der für das Orchester und für das Soloinstrument extrem schwierige Mittelsatz mit seinen kraftvollen Klangexplosionen tragen entscheidend zum musikalischen Abwechslungsreichtum von Ahos Komposition bei.

Beeindruckend sind auch die sphärischen Orchestertexturen, über denen das Solo förmlich zu schweben scheint, ein Prozess, der sich fortsetzt, bis sich die Klarinettenstimme am Ende des Konzerts in Mehrklänge auflöst, ihre Umrisse verliert und sich in den Klangraum zu verlieren scheint, sekundiert von hart angerissenen Tuttiakkorden, die einen Bogen zurück zum Werkbeginn schlagen. Es ist ein wirklich starkes Konzert, das Aho für den Klarinettisten komponiert hat. Und Fröst weiß um die Wirkung, die selbst von den allerkleinsten Details ausgeht: Er verleiht seinem Spiel eine entsprechende Formung, vermag blitzschnell vom ätherischen Klang dahin gehauchter Legatoketten zum Fortissimo-Schrei oder zum schattenhaft vibrierenden Klang mit minimalen Tonhöhenmodulationen durch Klappentriller und Griffvarianten umzuschalten.

Fazit

Für mich besteht kein Zweifel am Wert dieser enorm spannenden, musikalisch wie klanglich äußerst fesselnden Produktion. Ein gewisses Maß an Neugier muss man als Hörer allerdings schon mitbringen, sich vielleicht auch auf durchaus Ungewöhnliches gefasst machen. Wer dies scheut, sollte vielleicht die Finger von der Einspielung lassen und sich dem eher biederen Musizieren der hierzulande bekannteren Klarinettengrößen widmen. Für alle anderen wartet die Produktion mit einem echten Hörerlebnis auf, das man wahrscheinlich nicht so rasch vergisst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nielsen, Carl: Klarinettenkonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.02.2007
Medium:
EAN:

SACD
7318599914633


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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