> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Klavierkonzert Nr. 1 op. 23
Samstag, 28. Mai 2022

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Klavierkonzert Nr. 1 op. 23

Feinfühlig und klangsinnlich


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Yevgeny Sudbin und das São Paulo Symphony Orchestra unter Leitung von John Neschling interpretieren Klavierkonzerte von Peter Tschaikowsky und Nikolaj Medtner.

Es gehört wohl schon ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein dazu, heute mit einer neuen Einspielung von Peter Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 an die Öffentlichkeit zu treten. Der Pianist Yevgeny Sudbin hat dies auf einer SACD des schwedischen Labels BIS getan und sich dabei der Unterstützung des São Paulo Symphony Orchestra unter Leitung von John Neschling versichert. Neschling lässt sein Orchester durchweg sehr klangvoll und mit viel Wärme agieren, unterstützt von großer Klangtiefe und einem sehr plastischen Klangbild; doch steht das Soloinstrument dabei mitunter ein wenig zu stark im Vordergrund. Auch wenn die Orchestermusiker nicht immer in allen Belangen überzeugen, ist das Ergebnis in seiner Gesamtheit brillant und kann sich hören lassen. Das liegt vor allem in der sorgfältigen Darstellung der Musik, die sich der fast rhapsodisch anmutenden Grundhaltung durch den Pianisten verdankt.

Sudbin inszeniert sich als Geschichtenerzähler, der – und dies gelingt ihm in der Tat mit teils atemberaubender artikulatorischer Raffinesse – den Solopart des Tschaikowsky-Konzerts mit einem Höchstmaß an deklamatorischem Geschick darzubieten versteht. Leitend ist hierbei das Prinzip der Differenz: Der Pianist nuanciert seinen Anschlag außerordentlich stark, macht Phrasen ebenso wie Ton- oder Akkordwiederholungen zum Erlebnis, gestaltet die Solopassagen mit agogischen Feinheiten, die er auf engstem Raum verwendet. Im Kopfsatz ereignen sich auf diese Weise – gerade im wechselseitigen Dialog von Orchestersolisten oder einzelnen Stimmgruppen und dem Solisten – zahlreiche subtile Situationen, doch auch die übrigen Sätze warten mit vielen packenden Details und berückend schöne Momente auf. Die großartige Aufnahme überzeugt zudem durch den klangvollen Zugang aller Musiker, aber auch durch das kontrollierte Pathos, mit dem das Konzert vorgetragen wird, ohne dass der Hörer auf wuchtige und klangsinnliche Momente verzichten müsste.

Diese interpretatorischen Qualitäten bleiben auch im Klavierkonzert Nr. 1 c-Moll op. 33 von Nikolaj Medtner erhalten, können jedoch nicht über die enormen Längen dieser Komposition hinweg täuschen. Hier reihen sich pathetische Gesten, formelhafte Phrasen und klischeehafte Effekte in einer einsätzigen Riesenform von rund 35 Minuten Dauer aneinander, die zwar einige durchaus originelle Momente aufweist, aber darüber hinaus stellenweise so akademisch wirkt, dass es schon wieder weh tut. Mitnichten macht die Musik den Eindruck, hier sei – wie es im Booklet heißt – ‚nicht eine einzige Note überflüssig’; sie vermittelt vielmehr die Erscheinungsweise eines unablässigen Plauderns, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben und bleibt über weite Strecken hinweg nur bloßes Geklingel. Freilich: Welch nuanciertes Geklingel macht Sudbin daraus! Er schafft es tatsächlich, hörenswerte Momente aus diesem Wust von verminderten Septakkorden, ständigen Wiederholungen und Sequenzen zu erzeugen. Und das nötig denn doch gehörigen Respekt für diese Leistung ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Klavierkonzert Nr. 1 op. 23

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.02.2007
Medium:
EAN:

SACD
7318599915883


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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