> > > Puccini, Giacomo: Manon Lescaut
Samstag, 14. Dezember 2019

Puccini, Giacomo - Manon Lescaut

Umjubelte Live-Aufführung


Label/Verlag: Real Sound
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dramatik, Emotionalität und klare Konturen im Orchester kennzeichnen diesen Live-Mitschnitt. Star des Abends ist Rollendebütantin Daniela Dessì.

Am 19. Mai 2003 ging im Teatro de la Maestranza eine, laut Zeitungsartikeln, denkwürdige Aufführung von Puccinis dritter Oper ‘Manon Lescaut’ über die Bühne. Daniela Dessì gab ihr Rollendebut als Manon neben ihrem Lebenspartner Fabio Armiliato. Der überschwängliche Booklettext preist allerdings nicht nur die Vorstellung selbst als denkwürdiges Erlebnis, sondern auch den daraus hervorgegangenen Live-Mitschnitt als ‘beste derzeit auf dem Markt erhältliche Einspielung’ an.

Obgleich man dieser Beurteilung in einigen Punkten widersprechen kann, überzeugt die Aufnahme auf jeden Fall. Wer nach purer Klangschönheit sucht, ist mit dieser Besetzung auf dem Holzweg, jedoch ist dieses Klangdokument ohne Zweifel nur schwer an Dramatik und Unmittelbarkeit zu überbieten. Allen voran leidet und liebt Fabio Armiliato, ohne sich selbst auch nur im Geringsten zu schonen. Im ersten Akt noch auftretende stimmliche Mängel, die unter anderem in seiner Arie ‘Donna non vidi mai’ vor allem in Form einer zwar strahlenden, doch engen und gepressten Höhe auftreten, sind ab dem dritten Akt eingebunden in seine schonungslose Darstellung. Armiliato steigert die Intensität seiner Darstellung in den letzten beiden Akten der Oper, wodurch zwar deutliche Kraftmeierei erkennbar wird, seine technischen Mängel aber bei Weitem nicht mehr so klar im Vordergrund stehen. Der Tenor findet hier zur Hochform, indem er mit Schluchzern und Weinkrämpfen sämtliche Trümpfe Des Grieux‘s ausspielt und stimmliche Unebenheiten zu kaschieren versteht. So wird Armiliatos Darbietung im Finale des dritten Aktes zum heftig umjubelten Höhepunkt.

Übertroffen wird er in seiner Gesamtleistung nur noch von Daniela Dessì. Die Sopranistin, mittlerweile stimmlich im Verismo beheimatet, gestaltet mit ihrem sehr individuellen Timbre eine Manon von großer Intensität. Mit klarer Stimme, die einer gewissen Schärfe zwar nicht entbehrt und doch zu intimen, technisch einwandfreien Piani in der Lage ist – von welchen Dessì deutlich mehr Gebrauch macht als ihre Kollegen – ist sie den emotionalen Umschwüngen der Figur mehr als gewachsen. Obwohl der vorliegende Mitschnitt Dokument ihres Rollendebuts ist, überzeugt Dessì mit einem eingängigen und bis ins Detail ausgefeilten dramatischen Portrait. Ob große Melodiebögen im Duett mit Armiliato, eindringliche, leise Töne in ‘In quelle trine morbide’, oder pure Verzweiflung in ihrer letzten Arie: Mit sicherem Gespür für musikalische und dramatische Gestaltung zieht sie Zuschauer wie Zuhörer der Aufführung in ihren Bann. Sie vermag zu überzeugen, und wenn sie auch in Hinsicht auf stimmlichen Schönklang sicher einige Konkurrentinnen hat, so gibt es doch wenige Fachkolleginnen, die der Leidenschaft ihrer Manon das Wasser reichen können.

Leider kann der Lescaut von Marcel Vanaud nicht an diese Leistung heranreichen. Die Stimme klingt abgesungen und weist deutliche Spuren von großem Kraftaufwand auf, der auch die Darbietung an diesem Abend wesentlich beeinflusst. Die restlichen Partien sind durchaus rollendeckend besetzt, wobei das Kriterium der starken dramatischen Präsenz und der lauten Stimme bei Besetzungsfragen entschieden haben muss, denn diese Kriterien vereinen alle Sänger gleichermaßen.

Einem Hauptakteur der Aufführung muss noch Tribut gezollt werden: Steven Mercurio und dem Real Orquesta Sinfónica de Sevilla. Mercurio ist die leise Attraktion dieser Aufnahme. Zunächst verunsichert seine Art der Gestaltung von langen Bögen, Rhythmisierung und Durchdringung der Partitur, da sie im Gegensatz zur (zumindest) anfänglichen Kräfteschau der Sänger steht. Zwar setzt er klare Effekte und Highlights, führt die Sänger auf die Höhe ihrer Emotion, jedoch verliert er nie die Klarheit der Musik aus den Augen. Puccinis pathosschwangere, schwelgende Musik erhält durch Mercurios Dirigat zeitweise eine verblüffende tänzerische Leichtigkeit, noch dazu an Stellen, die kaum dafür gemacht scheinen. Eine ‘Manon Lescaut’ auf diese Weise zu musizieren, ist bereichernd für Mitwirkende wie Hörer. Manches Wohlbekannte lässt so wieder aufhorchen. Obwohl nicht alles in dieser Aufnahme rund läuft, ihre Faszination geht weit über den Live-Effekt hinaus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Puccini, Giacomo: Manon Lescaut

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Real Sound
2
16.09.2004
Medium:
EAN:

CD
80263052001142


Cover vergössern

Real Sound

Real Sound ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die vorwiegend im klassischen Musikbereich agiert. Wir sind ein junges Unternehmen, das sich durch die hohe Qualität der Produkte und durch die Anwendung innovativer Ideen in der Herstellung des klassischen Tonträgers sehr schnell durchsetzen konnte. Unser Team hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Herstellung hochwertiger Musikproduktionen, die seit 1989 unter dem eigenen Label RS veröffentlicht werden. Damit sind wir auf den wichtigsten Märkten der Welt (Europa, USA, Japan) präsent.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Real Sound:

blättern

Alle Kritiken von Real Sound...

Weitere CD-Besprechungen von Silke Meier-Künzel:

  • Zur Kritik... Weite und Ruhe: Der junge isländische Tenor Benedikt Kristjánsson kombiniert auf seiner ersten Solo-CD isländische Volkslieder mit Liedern von Franz Schubert. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Sensibles Vorspiel: Karim Shehata interpretiert 15 kurze Charakterstücke mit großer Sensibilität und schafft so ein abwechslungsreiches und in sich stimmiges Programm. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Gekonnte leichte Muse: Jeanne Crousaud als Sirene Zerlina bezaubert nicht nur die Männerwelt der Opéra, sondern auch den Hörer. Hier liegt eine leichte, eingängige und abwechslungsreich musizierte Einspielung einer nicht mehr allzu bekannten Opéra comique vor. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Silke Meier-Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Entschlackter Mahler: Gustav Mahlers 10. Sinfonie in einer kammermusikalischen Fassung. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Der faszinierende Klang des Horns: Richard Watkins präsentiert zusammen mit Julius Drake romantische Werke für Horn und Klavier. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Lobgesang: Gordon Safari und BachWerkVokal wollen nichts Lexikalisches bieten: Bei Bachs Vokalmusik gibt es davon auf hohem und höchstem Niveau zweifellos genug. Stattdessen geht es um interessante, beziehungsreiche Programme mit Johann Sebastian Bach als Anker. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jean-Baptiste Loeillet: Sonata VI op.2 in C minor - Adagio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich