> > > Menotti, Gian Carlo: The Telephone
Freitag, 7. Oktober 2022

Menotti, Gian Carlo - The Telephone

Alltagsoper für den modernen Menschen


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Reiz Menottis Opern liegt in ihrer Einfachheit und Eingängigkeit. In Musik und Text deutliche Bilder schaffend, stellen sie einen - ironisch überzogenen - Ausschnitt alltäglichen Lebens dar.

Gian Carlo Menotti, der erst kürzlich im Alter von 95 Jahren verstarb, avancierte mit seinen über 20 Opern zu einem der meistgespielten Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts.

Die knapp halbstündige Oper ‘The Telephone or l’amour a trois’ erlebte ihre Uraufführung am Broadway im Jahre 1947; das Libretto stammt – wie auch bei seinen übrigen Musiktheaterwerken – von Menotti selbst. Die Handlung wird, der Titel lässt es vermuten, von einem Telefon dominiert. Ben liebt Lucy. Lucy liebt Ben. Er möchte ihr unbedingt etwas besonders Wichtiges mitteilen. Dazu kommt er aber nicht, weil Lucy fortwährend telefoniert, was Ben zur Verzweiflung treibt. Kurzerhand verlässt er schließlich ihre Wohnung und ruft sie an. Jetzt endlich können sie miteinander sprechen und Ben sieht sich in der Lage, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Die Oper endet damit, dass Lucy Ben einschärft, sich unbedingt ihre Telefonnummer zu merken.

Bereits diese knappe Inhaltszusammenfassung lässt erkennen, womit sich Menotti in seinen Opern zeitlebens beschäftigte: Er öffnet den Blick auf Menschen in aktuellen Lebenssituationen, mit ihren alltäglichen Wünschen und Nöten vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Probleme. Dies geschieht einerseits, wie beispielsweise in ‘The Consul’ – seiner wohl wichtigsten Oper – auf ernste Weise. Andererseits auch, wie gerade in ‘The Telephone’, auf äußerst humorvolle Art. Seine Libretti wurzeln auf einer einfachen Sprache, ebenso wie er sich musikalisch eingängiger Strukturen und kantabler Linien bedient.

Paolo Vaglieri trifft mit dem solistisch besetzten Orchestra da Camera di Milano genau den Duktus des Natürlichen und Alltäglichen, der die Musik Menottis bestimmt. Aus genau diesem Grund stand die Fachwelt seinem Werk oft eher geringschätzig gegenüber.

Richtig ist natürlich, dass Menotti einer traditionellen Kompositionsweise den Vorzug gab. So mag seine Musik zwar nicht ‘bedeutend’ sein, jedenfalls ist es eine Freude, sie zu hören und der wohlgestalteten Einheit von Text und Klang nachzuforschen. Dies bestätigt die vorliegende Aufnahme mustergültig. Vaglieri baut für uns die musikalisch munter changierende kleine Welt dieser ‚opera buffa’ auf, deren Szenerie durch die musikalische Bebilderung so klar gezeichnet wird, als würde man sich einen Film ansehen. Insofern ist der gelegentlich mit der Musik Menottis angestellte Vergleich zur ‘Filmmusik’ berechtigt. Dabei vollzieht Vaglieri die vielen kleinen ironischen Wendungen und Brüche der Partitur lustvoll nach – im hell gezeichneten Klangspektrum der einzelnen Instrumente.

Anne Victoria Banks überzeugt als Lucy mit ihrer saloppen, geschwätzig-leichten Stimmführung. Mit ihrer zarten, aber auch zu wohl kontrollierten Ausbrüchen fähigen Stimme trifft sie genau den Ton, der Menotti vorgeschwebt haben musste. Man sieht sie vor sich: ins Telefon quasselnd lässt sie den Text aus sich heraus perlen. So verleiht sie ihrer Rolle eine sehr fassbare menschliche Gestalt. Neben ihr wirkt Gian Luca Ricci als Ben, dessen Rolle zugegebenermaßen im deutlichen Kontrast zu Lucy lyrischer und zurückhaltender angelegt ist, fast ein wenig blass. Sein Bariton hat eine ordentliche Tiefe, während die Stimme in der Höhe etwas an Klarheit einbüßt und nicht ganz fokussiert klingt.

Die CD enthält des Weiteren ‘Ricercare and Toccata’ aus dem Jahre 1953, beruhend auf einem Thema aus Menottis Oper ‘The Old Maid and the Thief’. Die Pianistin Silva Costanzo interpretiert den ersten, leicht dahinströmenden Teil nachdenklich, fast melancholisch; zart lässt sie die Phrasen verhallen. Im zweiten Teil, in seiner Aufgeregtheit und Rastlosigkeit an ‘The Telephone’ erinnernd, präsentiert sie technisch hoch virtuose Läufe und gibt der profunden Erdung des Stückes deutliches Gewicht.

Die Aufnahme schließt mit den ‘Canti della Lontananza’ von 1967, die Elisabeth Schwarzkopf gewidmet sind. Silva Costanzo begleitet Anne Victoria Banks, die diesen ‘Liedern aus der Ferne’ nicht ganz gewachsen scheint. Die Dramatik der Werke erfordert eine ebensolche, volle und wandlungsfähige Stimme. Banks’ Organ wirkt hier in der Höhe schnell etwas schrill und klingt im Ganzen zu eindimensional und dünn, als dass sie den leidenden Ton der Lieder überzeugend darstellen könnte. Dennoch bietet sich durch diese beiden Zugaben der CD eine gute Gelegenheit, auch einen anderen Ausschnitt aus dem Oeuvre des Opernkomponisten Gian Carlo Menotti kennen zu lernen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Menotti, Gian Carlo: The Telephone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NEI - Nuova Era Internazionale
1
01.08.2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222241733
224173


Cover vergössern

NEI - Nuova Era Internazionale

20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
NUOVA ERA ist Italiens Antwort auf die großen musikalischen Fragen des beginnenden Jahrtausends.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag NEI - Nuova Era Internazionale:

  • Zur Kritik... Europäischer Konflikt: Der vorliegende Mitschnitt von Rossinis 'Le siège de Corinthe' widmet sich einer Rossini-Rarität, kann aber nicht vollauf überzeugen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Die Tänze nach dem Neustart: Musik eines Komponisten, der die Pest von 1348 überlebte: an sich spannend genug, zudem sehr hörenswert interpretiert. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Von allerlei Kreaturen: Vögel, Fische und wilde Tiere werden in der Neuauflage der Produktion ‚Bestiarium. Animals in the Music of the Middle Ages‘ in verschiedensten Stilen und teilweise herrlichen Interpretationen besungen. Weiter...
    (Benjamin Scholten, )
blättern

Alle Kritiken von NEI - Nuova Era Internazionale...

Weitere CD-Besprechungen von Thomas Eisenträger:

  • Zur Kritik... Temperament und Eleganz: Die Aufnahme präsentiert Stücke von zeitloser Schönheit in lebendiger und überzeugender Interpretation. Weiter...
    (Thomas Eisenträger, )
  • Zur Kritik... Überzeugender Einblick: Diese Aufnahme macht mit der dargebotenen Spielfreude Lust auf mehr Strawinsky. Weiter...
    (Thomas Eisenträger, )
  • Zur Kritik... In voller Pracht: Intensiv, dramatisch und gefühlvoll zugleich entfaltet Jewgeni Svetlanov mit dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR die Ballettmusik in üppigem Klang und schafft so eine in sich schlüssige Interpretation. Weiter...
    (Thomas Eisenträger, )
blättern

Alle Kritiken von Thomas Eisenträger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich