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Dienstag, 2. März 2021

Kirsten Flagstad - Live in Concert 1949-1957

Wagner und US-Geschichte


Label/Verlag: VAI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die San Francisco Opera wagte es allen Widerständen zum Trotz Flagstad 1949 zu engagieren. Das resultierende Konzert liegt nun auf CD vor: ein Wagner/Strauss Programm von eindrucksvoller interpretatorischer und vokaler Qualität.

Zwei Dinge sind an dieser CD-Veröffentlichung von ‚Kirsten Flagstad Live in Concert 1949-1957’ interessant. Zum einen ist es natürlich immer ein Ereignis, diese singuläre Stimme zu hören und sich von Flagstads Tönen in eine Art Trance-Zustand versetzen zu lassen (was besonders beim Liebesduett aus ‚Tristan’ mit Set Svanholm überaus passend ist und eindrucksvoll gelingt). Zum anderen ist die Zeitgeschichte hinter den hier veröffentlichten Aufnahmen aus San Francisco 1949 faszinierend. Denn Flagstad verließ – als einer der bestbezahlten, populärsten Stars der Met – 1941 die USA, um nach der Invasion Norwegens durch die Nazis zu ihrem Mann nach Oslo zurückzukehren. Sie verkündete bei der Abreise aus Amerika, dass sie bis zum Ende des Krieges in ihrer Heimat bleiben wolle. Dort angekommen, lehnte Flagstad alle Angebote ab, in Deutschland und Österreich zu singen und gab nur vereinzelt Konzerte in Skandinavien und der Schweiz.

Dennoch startete (ausgerechnet) die norwegische Botschaft in Washington eine Kampagne gegen Flagstad, in der man sie zur Nazi-Kollaborateurin stilisierte, weil (angeblich) ihr Mann Henry Johansen, der ein Holzfällerbusiness hatte, Geschäfte mit den Deutschen gemacht haben soll. Nach dem Krieg wurde er verhaftet und starb im Gefängnis, bevor es zu einem Gerichtsverfahren kommen konnte. Flagstad ihrerseits durfte Norwegen erst im Dezember 1946 verlassen.

Da sie in den USA nun als ‚Verräterin’ abgestempelt war, wollte sie niemand engagieren, weder für Opernaufführungen noch für Konzerte oder Radioauftritte – sie galt als ‚zu umstritten’. Unter den Umständen war es mehr als mutig von der San Francisco Opera, Flagstad 1949 zu engagieren und auch eine direkte Konfrontation mit dem Board of Directors vom War Memorial Auditorium anzugehen, die den Saal nicht vermieten wollten, falls Flagstad dort auftreten würde. Das Opernhaus drohte daraufhin, die komplette Saison zu kündigen, und das Board of Directors gab nach. So kam es zu einem Flagstad Konzert, das von der ‚Standard Hour’ in San Francisco übertragen wurde, der einzige Radioauftritt der Sängerin in den USA nach 1941.

Genau diese Aufnahmen hört man auf der vorliegenden CD, und es ist erstaunlich, dass Flagstad unter dem enormen psychologischen Druck, dem sie ausgesetzt war, solche trotzigen Töne in den Raum schleudern konnte, aber auch so versöhnliche. Sicher klingt sie auf den älteren Met-Broadcasts frischer (außerdem stehen dort bessere Dirigenten zur Verfügung als hier), aber das Elementarerlebnis ihres Singens spürt man unvermindert in San Francisco 1949 – und auch ein halbes Jahrhundert später auf CD. Bei jeder anderen Sängerin würde Flagstads besondere Art Wagner zu singen langweilig – weil unbeteiligt und lethargisch – wirken. Bei ihr aber entsteht eine Art ‚Vernebelung der Sinne’ – denn man wird nachgerade süchtig nach den Klängen, die wie Orgeltöne hervorströmen und von solcher Pracht sind, dass man sich gern als Hörer in eine wohlige Entrückung versetzen lässt. (Neben den ‚Tristan’-Ausschnitten inklusive Liebestod passt das hervorragend zu Sentas Arie, mit der die CD beginnt.) Dennoch schafft Flagstad es, auch dramatisch-bewegt zu singen, Text wirklich zu gestalten: in der Schlussszene aus ‚Götterdämmerung’ zum Bespiel. Aber nie verliert sie dabei die Ruhe ihres Singens, die Souveränität. Und das ist wirklich einmalig.

Zweifellos hat Birgit Nilsson diese Musik erregender, aufregender gesungen. Aber die Grandezza der Flagstad Töne hat sie niemals erreicht. Und im Vergleich zu einer Jessey Norman, die möglicherweise vom Stimmtyp in die Nähe von Flagstad kommt, ist hier die alles überstrahlende Ruhe das Ereignis. Auch wird man weder bei Nilsson noch Norman je so wundervolle Portamenti hören, wie sie Flagstad in Hülle und Fülle anbietet.

Wunderbar in der Opulenz des Klanges sind auch die Strauss-Lieder ‚Befreit’ (mit schier endlosem Atem!), ‚Allerseelen’ (von endloser Traurigkeit und Melancholie) und ‚Cäcilie’. (1950 ebenfalls in San Francisco aufgenommen.) Beide Konzerte werden von Gaetano Merola und dem San Francisco Opera Orchestra kompetent, wenn auch nicht sonderlich inspiriert begleitet. Und wie gesagt: Bei den ‘Tristan’-Ausschnitten steht Set Svanholm als Partner zur Verfügung. Eine interessante Paarung, bei der die Stimmen nicht ganz so ideal verschmelzen wie auf der Furtwängler-Aufnahme mit Suthaus. Aber dafür sind hier die Umstände der Aufnahme interessanter – oder besser: auf andere Weise interessant.

Am Ende der CD hört man Ausschnitte aus ‚Alceste’, einer Dänischen Radioaufführung von 1957, in der Flagstad Norwegisch sang, der Rest Dänisch. Auch zu dieser späten Aufnahme gibt es eine spannende Geschichte, die Robert Tuggle, ‚Director of Archives, Metropolitan Opera’, anschaulich beschreibt im lesenswerten Booklet. Übrigens: als Rudolf Bing neuer Direktor der Met wurde, engagierte er Flagstad gleich in seiner ersten Saison und besiegelte damit ihr Comeback in und ihre Versöhnung mit Amerika.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kirsten Flagstad: Live in Concert 1949-1957

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VAI
1
26.01.2007
Medium:
EAN:

CD
089948124825


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VAI

Video Artists International (VAI) incorporated in 1983 and became the first US-based company to offer a selection of home video featuring opera, concert and ballet performances from international performance centers. In 1991 VAI began producing compact discs.. In 2001 VAI released its first DVD. Initial VHS releases included ballet films from Russia followed by a series of complete operasstarring Anna Moff, Renata Tebaldi in Tosca and Beverly Sills All these remain best sellers for VAI. Also issued were recitals by Rosalyn Tureck, Anna Russell, Renata Scotto and others. All of these have been issued on DVD.
In the mid-1990?s VAI began a relationship with the Canadian Broadcasting Company that yielded memorable performances, among others, by Joan Sutherland, Jon Vickers, Renata Tebaldi, Jean- Pierre Rampal, Sir Thomas Beecham, Sviatoslav Richter, Martha Argerich, Arturo Benedetti Michelangeli, and Ida Haendel.
In 1998 VAI began a long term agreement with the copyright holders of broadcasts from The Bell Telephone Hour, America?s premiere cultural television program from 1959 to1967. Performers caught live include Renata Tebaldi, Brigit Nilsson, Joan Sutherland, Anna Moffo, Rudolph Nureyev, Leontyne Price, Isaac Stern, Michael Rabin, Yehudi Menuhin, David Oistrakh, Claudio Arrau, Jorge Bolet, Van Cliburn and other great artists.
1999 saw an arrangement with the Chicago Symphony Orchestra for a series of historic television broadcasts under music giants Fritz Reiner, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Leopold Stokowski and Paul Hindemith.
2003 began a relationship with Showcase Productions which has yielded the best selling ?Ethel Merman and Mary Martin ? The Legendary Ford 50th Anniversary Program? and two legendary ballets featuring Margot Fonteyn.
The television archives of The Boston Symphony Orchestra are now being made available to the world by VAI beginning in 2004. Initial releases feature Sir John Barbirolli, Charles Munch, and Pierre Monteux. Future releases will focus on former music directors Eric Leinsdorf and Seji Ozawa. 2004 brought around working relationships with France?s INA and Italy?s RAI which will see the release of many historic opera and concert videos from the vaults.
As a result of VAI?s presence in the marketplace, independent producers are approaching VAI with projects for production and distribution. ?What the Universe Tells Me?, a documentary on Mahler?s Third Symphony and ?Khachaturian: A Music and His Fatherland? are two fruits of these collaborations.
Aside from the afore mentioned Merman/Martin title, 2004 saw VAI release a Cole Porter Tribute,featuring Merman and other stars of the American Musical Theater. 2005 will see a continuing series of DVD titles to the great musical stars of stage and screen.
VAI CD issues feature rare recordings of Joseph Hoffman, William Kapell and other legendary pianists. The art of singers Jon Vickers, Evelyn Lear, Phyllis Curtin, Renata Tebaldi, and Eleanor Steber are captured in live and studio recordings. Many other legendary singers are featured on disc. VAI has issued a number of historic opera performances including 12 live recordings from the archives of the New Orleans Opera. Recently, VAI has begun issuing live performances from Sarah Caldwell?s legacy with the Boston Opera Company that includes performanes of Joan Sutherland, Marilyn Horne, Beverly Sills, and Jon Vickers. In recent years VAI has begun to record young, outstanding artists as Francesco Libetta and Pietro De Maria. VAI is the official label of the Miami International Piano Festival of Discovery.
VAI has 200 plus DVDs and videos and over 200 CDs in its catalog.


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