> > > Stravinksy, Igor: Suite 'L'Histoire du Soldat'
Samstag, 15. August 2020

Stravinksy, Igor - Suite 'L'Histoire du Soldat'

Konzentration und Überschwang


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine facettenreiche Kollektion von bedeutenden Werken für das Musiktheater, Liedern und Raritäten aus Strawinskys russischer Schaffensperiode und der Zeit des Schweizer Exils in der Interpretation seines Vertrauten Robert Craft.

Robert Craft, der langjährige Vertraute von Igor Strawinsky, gefeierte Dirigent und erfolgreiche Publizist hat sich viel vorgenommen: nichts Geringeres als die Einspielung der Gesamtwerke von Schönberg, Webern und Strawinsky. Nun also liegt die siebte Folge seiner Beschäftigung mit dem großen Polystilisten vor, und hier wiederum die erste Folge mit Werken aus Strawinskys ‘russischer’ Schaffensperiode. Diese Bezeichnung ist jedoch insofern irreführend, als dass die zentralen Werke dieser Einspielung, ‘L’Histoire du soldat’ (1918) und ‘Renard’ (1916), schon in die Zeit der Schweizer Emigration fallen. Die kaleidoskopartig auf der vorliegenden CD versammelten Werke sind von Craft mit dem Orchester of St. Luke’s bzw. einzelnen Orchestergruppen und -mitgliedern in den Jahren 1995 bis 2005 eingespielt worden.

Die ‘Pastorale, op. 5’, 1907 als Vokalise für Sopran und Klavier komponiert, unterzog Strawinsky 1923 einer Uminstrumentierung. So wurde das unverkennbar der russischen Schaffenszeit zugehörige Werk zu einem reinen Instrumentalstück, in dem die Violine den Gesangspart einnimmt und hierbei von einem Holzbläserquartett begleitet wird. Rolf Schulte an der Violine gestaltet die einprägsame Melodielinie bis in die hohen Lagen hinein mit Ausdruck und hoher intonatorischer Sicherheit. Das kurze Stück ist klug als Auftakt gewählt: Der folkloristische Tonfall sowie der pochende Puls, der schon auf Kommendes verweist, bilden einen spannenden Kontrast zur ‘L’Histoire du soldat’.

Radikale Abkehr vom traditionellen Musiktheater

Da es sich bei dieser im vorliegenden Fall allerdings um die Suite handelt, fehlt ein durch die Handlung führender Text. Doch gerade durch die ausbleibende Integration der Musik in ein dramatisches Geschehen wird das Ent-Psychologisierte der Komposition deutlich, in dem die Radikalität dieser Abkehr vom traditionellen Musiktheater Wagner’scher Prägung liegt. Mit superbem Klang und großer Punktgenauigkeit verdeutlicht die Interpretation das kompositorisch hochreflektierte Spiel mit tradierten Mustern, das die ‘Histoire’ zu einem Schlüsselwerk der Klassischen Moderne werden ließ. Sei es die hinter der Nacktheit des musikalischen Materials versteckte Sinnlichkeit der Tango-Travestie, sei es die Expressivität des artifizialisierten Ragtime – diese lebendige, feinnervige Interpretation ist ein Gewinn für die (aus unerfindlichen Gründen) leider sehr spärlich bestückte Diskographie dieser bedeutenden Komposition. Was für alle Einspielungen gilt: Hier gibt es kein Pathos, auch kein ‚Pathos des Unpathetischen‘, weil die Expressivität gerade durch die souveräne Zurückhaltung der Akteure zum Vorschein kommt, dem Material immanent ist.

Theatralik und Kontemplation

In den ‘Trois pièces pour Clarinette seule’ (1919) überzeugt Charles Neidisch mit hoher Klangkultur und sensiblem Gestus. Obwohl hier das Konzept von Melodik aufgebrochen ist (weil sich die Linienführung erst gleichsam aus den Druckverhältnissen der Intervalle herauszubilden scheint), entsteht ein Eindruck des Lyrischen. Die szenische Burleske ‘Renard’ besticht mit ihrem Wechselspiel von schriller Theatralik und lyrischem Innehalten. Mit einer, bei aller Konzentration, überschwänglichen Lebendigkeit stellen die vier Sänger (John Aller, Steven Paul Spears: Tenor; David Evitts: Bariton; Wilbur Pauley: Bass) gemeinsam mit dem souverän agierenden Orchester den Facettenreichtum dieser fantasievollen Komposition heraus.

Die während des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs entstandenen ‘Pribaoutki’ sind hochinteressante Miniaturen. Strawinsky vertonte volkstümliche russische Verse von lediglich vier Zeilen Länge. Die sprachliche Pointiertheit der ‘Scherzlieder’ spiegelt sich in der Prägnanz der vier von Catherine Ciesinski gesungenen Stücke für Mezzosopran und gemischtes Orchester. Auch die ‘Berceuses du chat’ (1915) sind solche Miniaturen. Diese faszinieren durch ihre geheimnisvolle Offenheit in der Harmonik und der Ambivalenz im Ausdruck. Susan Narucki bringt die latende Spannung der 1911 entstandenen ‘Deux poèmes de Konstatin Balmont’ sowie den kontemplativen Gestus der ‘Trios poésies de la lyrique japonaise’ (1913), in denen Strawinsky eine musikalische Entsprechung zur japanischen, in der Zweidimensionalität verbleibenden Graphik zu schaffen suchte, zum Vorschein.

‘Pour Picasso’ (1917), die ebenfalls für Soloklarinette komponierte, halbminütige Hommage an den Freund und Künstlerkollegen, das zupackende ‘Scherzo à la Russe’ in einem Arrangement für Jazzband sowie das ‘Lied der Wolgaschiffer’ in einem Arrangement für Holzbläser sind Raritäten. Die Kombination von Haupt- und Nebenwerken macht den Reiz dieser Aufnahme aus. Robert Craft beweist sich als profunder Kenner und vorzüglicher Interpret.

Abstriche sind lediglich bei dem in englischer Sprache abgefassten Booklet zu machen: Zwar liefert es ausführliche Informationen zu den Werken und Interpreten, doch leider wurden nur die Texte der Balmont-Lieder abgedruckt und alle Werktitel ins Englische übersetzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stravinksy, Igor: Suite 'L'Histoire du Soldat'

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
02.01.2007
Medium:
EAN:

CD
747313250523


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Naxos

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