> > > Stravinsky, Igor: Le Sacre du Printemps (Fassung für 2 Klaviere)
Montag, 24. Januar 2022

Stravinsky, Igor - Le Sacre du Printemps (Fassung für 2 Klaviere)

Glasklar


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit glasklarem Rhythmus meistert das Bugallo-Williams Klavierduo einen Kraftakt: Stravinskys Jahrhundertwerk Le Sacre du printemps auf schwarzen und weißen Tasten.

Vierhändige Klaviermusik steht nicht selten in dem Ruf von zuweilen biederer Hausmusik-Natur zu sein. Das Klavierduo Helena Bugallo und Amy Williams legt nun eine bei WERGO erschienene CD – ‘stravinsky in black and white’ – mit Werken für Klavierduo, bzw. mit Werken für zwei Klaviere von Igor Stravinsky vor. Zentrales Stück der Aufnahme ist sein Le Sacre du printemps – eine Musik, die nun nicht im Verdacht steht, freundlich unterhaltende Hausmusik zu sein. Und so widerlegt das Bugallo-Williams Klavierduo in der vom Komponisten stammenden Klavierfassung des Jahrhundertwerkes auch letzte Vorurteile: Beiden Pianistinnen wird ein Höchstmaß an Energie, Kraft und Virtuosität abverlangt. Es ist für das an die Orchesterfassung gewöhnte Ohr hochinteressant, das Werk in dieser Form zu hören. Dissonanzen wirken sehr viel schärfer, der Rhythmus wirkt sogar zuweilen noch schroffer und komplexer, kompositorische Strukturen treten in den Vordergrund. Zwar möchte ich keineswegs auf die Orchesterfassung verzichten, doch diese Version bietet einen neuen und ganz unerwarteten Höreindruck.

Der erste Teil gelingt beiden Pianistinnen besonders überzeugend: Die Tempi sind relativ moderat, aber immer sehr vorwärts drängend gewählt. Die stampfenden Rhythmen des Beginns wirken äußerst eindringlich und mitreißend. Überraschend gut gelingen auch jene Stellen, in denen sich die Musik in der Originalversion hauptsächlich der Klangfarbe widmet: Bugallo und Williams unternehmen hier nicht den Versuch, etwaige Instrumente nachzuahmen, sie können sich ganz auf ihr sehr farbiges Klavierspiel verlassen. Auch in dieser Beziehung, ist die vorliegende Aufnahme bei weitem keine Sparversion, und es ist ganz erstaunlich, wie schnell sich das Ohr an diese Fassung gewöhnen kann. Die Produktion zeigt sehr viel mehr als ein ganz herausragend musizierendes Klavierduo: Für Stravinsky selbst war das Klavier, an dem er vornehmlich komponierte, der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. ‘Jede Note, die ich schreibe, wird darauf ausprobiert, und jedes Verhältnis der Noten zueinander wird analysiert und immer wieder darauf angehört.’ Insofern ist die CD auch aus rein musikalischer Sicht sehr lohnenswert, denn sie zeigt in glasklarer und in der unverstellten Klanggebung des Klaviers Werke aus allen wesentlichen Schaffensperioden des Komponisten und lässt dessen Entwicklung wunderbar verfolgen.

Auf die ungestümen Rhythmen des Sacre folgen die nur ein Jahr später entstandenen Drei Stücke für Streichquartett – atmen die ersten Sätze noch den furiosen Ausdruck des Sacre, zieht sich die Klanglichkeit des dritten Stückes ganz ins Innere zurück. Dramaturgisch kann es für dieses intime Stück kaum eine bessere Position geben – es übernimmt gewissermaßen die Funktion eines Scharniers zwischen dem Sacre und dem Concert Dumberton Oaks, eines der Hauptwerke aus Stravinskys neoklassizistischer Phase, in dem die Pianistinnen präziser als jede Atomuhr die prasselnden Bewegungsabläufe meistern. Sie finden für jedes der höchst unterschiedlichen Werke einen ganz eigenen Ton – verbindendes Moment jedoch ist zu jeder Zeit, auch bei den eher zurückgenommenen Stücken, jene enorme rhythmische Präzision und Unerbittlichkeit. Jeder Akzent sitzt, jede kleine Phrase wird scharf umrissen – so wie es der Name der CD zweideutig sagt: black and white. Durch das so präzise Herausarbeiten des Rhythmus lässt sich trotz der heterogenen Beispiele eine klare Linie erkennen – und diese reicht bis in die spröden Mouvements aus dem Jahr 1959 hinein, die sich so gar nicht in den Bewegungstrieb der neoklassizistischen Werke einfügen wollen.

Eine wirklich empfehlenswerte und überaus spannende neue CD mit aufregenden Werken und erstaunlichen Interpretinnen. Die Aufnahmetechnik ist ebenfalls brillant zu nennen und kommt der trockenen Präzision des Vortrages sehr gelegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Gordon  Kampe Kritik von Gordon Kampe,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stravinsky, Igor: Le Sacre du Printemps (Fassung für 2 Klaviere)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.02.2007
Medium:
EAN:

CD
4010228668322


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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