> > > Ravel, Maurice: La Valse
Freitag, 7. August 2020

Ravel, Maurice - La Valse

Opfer auf dem Altar moderner Klangtechnologie


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vom Segen und Fluch übersensibilisierter Aufnahmetechnik: sie deckt die Schwachstellen der Einspielungen von Ravels Orchesterwerken mit dem NHK Symphony Orchestra unter Vladimir Ashkenazy unbarmherzig auf.

An Aufnahmen mit Orchesterwerken von Maurice Ravel herrscht wahrlich kein Mangel. Mit dieser lapidaren Feststellung ist eigentlich schon alles gesagt. Man muss deshalb schon gehörig klotzen, will man eine neuerliche Einspielung mit Ravels bekanntesten Orchesterstücken der Ebene der bloßen Rechtfertigung entheben. Das japanische Label ‚Octavia Records’ buhlt geradezu um die Gunst der Aufmerksamkeit. Auf seiner Homepage wird man von einem schwanzwedelnden Hündchen-Logo begrüßt, bevor man auf die High-Tech-Seiten weitergeleitet wird. Und mit enormer High-Tech staffiert das Label auch seine CD-Produktionen aus. Otto Normalhörer kratzt sich da des öfteren den Kopf und verflucht die Stunde, da er sich gegen ein Toningenieur-Studium entschied. Denn jetzt könnte er durchaus etwas Fachwissen gebrauchen, um den technologischen Aufwand intellektuell nachvollziehen zu können, den ‚Octavia Records’ mit seinen Veröffentlichungen betreibt. Da sitzt man also vor dieser Doppel-CD mit Orchesterwerken Ravels, die das renommierte NHK Symphony Orchestra aus Tokio unter der Leitung seines Musikdirektors Vladimir Ashkenazy eingespielt hat und man fragt sich, was zu tun ist. Die enorme Technologie in der Umsetzung von Klangkonzeption bewundern oder die Interpretationen Ashkenazys verfluchen? Oder umgekehrt? Oder sowohl als auch?

Seit 2004 ist Ashkenazy Musikdirektor des NHK Symphony Orchestra, dem ersten professionellen Orchester Japans. Nicht Ashkenazy, sondern vor ihm Joseph Rosenstock sowie die zahlreichen Gastdirigenten, deren Liste sich wie ein ‚Who is Who’ des Dirigentenpults liest, haben das 1926 gegründete Orchester zu einem international anerkannten Klangkörper reifen lassen. Insbesondere auch Charles Dutoit, der Vorgänger Ashkenazys. Dutoits Erfahrungen mit der Orchestermusik Ravels erhoffte Ashkenazy für seine erste Einspielung mit dem NHK Symphony Orchestra womöglich adaptieren zu können. Vielleicht hoffte er, den für Ravel so unumgänglichen satten und doch so filigran farbnuancierten Orchesterklang ebenfalls aus dem NHK Symphony Orchestra herausholen zu können.

Zwei SACD-Scheiben jedoch haben nicht ausgereicht, um an dieses Ziel zu gelangen. ‚La Valse’, ‚Miroirs’, ‚Tzigane’, ‚Le Tombeau de Couperin’ und der unerlässliche ‚Boléro’ – und das ist auch schon alles, was die Doppel-CD herzugeben erlaubt - leiden beim NHK Symphony Orchestra freilich keine intonatorische, spieltechnisch musikantische Not. Im Gegenteil: in Sachen Spielkultur, binnengespannten, rhythmischen Agierens der wunderbar homogen aufeinander abgestimmten Orchestergruppen, dynamischer Breite und artiger Artikulation und Phrasierung spornt Ashkenazy mit seiner durchaus stringent durchdachten Lesart der Partituren das Orchester zu fulminanter Höchstleistung an. Auch am Spiel von Mayu Kishima, die ‚Tzigane’ mit einem plastisch ausgeformten, klangschön und profilierten Violinpart adelt, mag man keinesfalls mäkeln.

Allein, es ist tragischerweise die brillante Tontechnik der Einspielungen, die Kritik an Ashkenazys Interpretationen evoziert, legt sie doch offen, wie detailliert Ashkenazy äußerste Transparenz einfordert. Da zeichnen sich einzelne Linien in der Orchesterfaktur ab, die von der kondensierten Dichte des Farbklangs eigentlich eingefangen werden möchte. Ganz ohrenfällig geschieht dies in ‚La Valse’, wo die unheilvoll grollenden kompakten Schmelzklänge gleichsam den Nebel des Untergangs heraufbeschwören wollen. Ashkenazy lässt das Orchester aber die Nebel gleich zu Anfang lichten und die Feier der orchestralen Klarheit und Transparenz feiern. Zu ungeschlacht setzt im ‚Boléro’ die kleine Trommel ein, wo sie doch beinahe unhörbar nur den rhythmischen Klanggrund für die Melodielinie bilden sollte. Ashkenazy kann den großen dynamischen Bogen nicht gänzlich spannen und hält sich am Ende des ‚Boléro’ mit der Zusage an das Orchester, orgiastische Ausbrüche zu üben, völlig zurück. Einzig in ‚Le Tombeau de Couperin’ vermag das NHK Symphony Orchestra, Ravels Klangwelt subtil zu ergründen.

Das Booklet ist für ein japanisches Publikum ausgerichtet und wer nicht Japanisch versteht, kann lediglich auf ein beigelegtes Faltblatt zurückgreifen, das den Europäern durchaus informative Einführungen zu den Werken bietet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ravel, Maurice: La Valse

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
2
26.01.2007
Medium:
EAN:

SACD
5425008375663


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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