> > > Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra: Werke von Bartok, Strauss, Stravinsky, Weber
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra - Werke von Bartok, Strauss, Stravinsky, Weber

War früher wirklich alles besser?


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine musikalische Kostbarkeit aus einer legendären Epoche: Sergei Koussevitzky und sein Boston Symphony Orchestra zeigen, was absolutes Musizieren sein kann.

Das goldene Zeitalter der großen Sinfonieorchester dürfte vorerst einmal vorbei sein, so erscheint es mir jedenfalls momentan. Natürlich existieren sie noch, die berühmten Klangkörper, die im letzten Jahrhundert unter großen Dirigenten ihre Vorrangstellung aufgebaut haben, aber sind diese Giganten nicht etwas müde geworden? Die Kommerzialisierung der Klassikszene fordert viel von den Idealisten der Branche, zum Atmen und Reifen bleibt da nicht viel Zeit. Die Maestri werden immer jünger und glamouröser, ein Image muss ihnen angepasst werden, wer sich dem verweigert, hat schlechte Karten. Doch kann das Publikum heute noch unterscheiden zwischen einem tief vergeistigten Musizieren und dem Herunterspielen einer Partitur ohne künstlerischen Tiefgang? Der Wunsch nach einer heilen Klassikwelt motiviert den Fan in einer aus den Fugen geratenen Gesellschaftsordnung vieles zu bejubeln, was aufwendig angekündigt wird, hinterfragt wird da nicht mehr viel, zumal das ‚Event’ wegen den hohen Eintrittspreisen doch einfach super gewesen sein muss.

Sergei Koussevitzky  (1974 – 1951) war einer der ganz großen Dirigenten (auch ausgebildeter Kontrabassist) des letzten Jahrhunderts. In Russland geboren und musikalisch erzogen in Moskau, dirigierte er die Berliner Philharmoniker schon 1908. Sicherlich, er konnte sich das Orchester mit dem Geld seiner reichen Frau ausleihen, doch schon im Jahr darauf gründete er in Russland sein eigenes Orchester und danach setzte er sich gezielt für die russischen Komponisten seiner Zeit ein, wie für Strawinsky, Scriabin, Prokofiev and Sergei Rachmaninov. Nach der Oktoberrevolution emigrierte Koussevitzky nach Paris und übernahm 1924 die Leitung des Boston Symphony Orchestras. Diese Zusammenarbeit sollte 25 Jahre dauern und gehört zu einer der fruchtbarsten Partnerschaften der Musikgeschichte. Koussevitzky und sein Orchester wurden nicht nur zu einem der bekanntesten und besten Klangkörpers Nordamerikas, auch die Gründung der Talentschmiede Tanglewood ist dem genialen Dirigenten und Orchestererzieher zu verdanken. Tanglewood ist auch heute noch eine außergewöhnlich offene und kreative musikalische Sommerakademie. Leonard Bernstein war einer der Absolventen und Sergei Koussevitzky sein Förderer.

Diese CD beinhaltet Live-Aufnahmen aus den Jahren 1943 – 1948. Den Anfang macht die sinfonische Dichtung ‚Don Juan’ von Richard Strauss. Das Werk wird mit einer berückenden Klarheit und Einfachheit musiziert, die dem aufmerksamen Zuhörer viel von dem Komponisten ganz ‚en passant’ enthüllt, jeder Ton fließt unmittelbar ins Herz, auch noch nach 50 Jahren ist die musikalische Ausstrahlung der Aufnahme voller Charme und Inspiration. Der schlanke Orchesterklang ist heute so zumeist eine Seltenheit, ebenso auch die Flexibilität der Tonsprache. Koussevitzky und sein Orchester haben eine ideale Übereinstimmung erreicht, Absicht und Geist gehen konform und ermöglichen so ein unerhört spannendes Musikerlebnis, dabei ist der Maestro ein Dirigent gewesen, der mit extrem wenig Körpereinsatz gearbeitet hat. 

Auch Béla Bartóks ‚Konzert für Orchester’, das von Koussevitzky im Dezember 1944 uraufgeführt wurde, erlebt man auf dieser CD als eine Entdeckung. Ein grandioses Werk, voller Leidenschaft, das sicherlich auch die politische Situation der damaligen Zeit zum Thema hat. Der Mitschnitt datiert von der zweiten Aufführung des Werks und darf als perfekt bezeichnet werden. Da gibt es kein selbstgefälliges Musizieren, nein, hier ist eine geniale orchestrale Einheit am Werk, mit großer Meisterschaft und Freude wird jeder Ton gekonnt zelebriert. Das gilt auch für die Ode ‚Elegiac Chant’ von Strawinsky. Das Werk wurde für die 1942 verstorbene Frau Koussevitzky komponiert, die Aufnahme auf dieser CD ist ein Mitschnitt der Uraufführung vom 8. Oktober 1943.

Einen furiosen Schlusspunkt setzt Koussevitzky mit Carl Maria von Webers ‚Oberon’-Ouvertüre, phantasievoll und sprühend auch hier das Spiel; ohne den Dirigenten sehen zu können, steht dessen große Persönlichkeit im Raum. Und es stellt sich wieder einmal die Frage, ob früher das musikalische Niveau höher war? Man kann sagen, dass die aktuelle Zeit, mit dem vielen Reisen in Sachen Musik, unterm Strich nicht hilfreich ist ein so grandioses Team im Stile von Koussevitzky und seinem Orchester zu formen. Ein Jetset-Dirigent, der von Orchester zu Orchester düst, hat es ungemein schwerer ein wirkliches tiefgehendes Musikerlebnis aufzubauen. Man darf allerdings auch fragen, ob das heutige Publikum so etwas noch sucht, denn die aktuelle ‚Vereventierung’ der Klassikszene hat leider erschreckende Ausmaße angenommen und der Applaus richtet sich vielfach nur noch danach, wie hoch der Name in den Medien vorab gepuscht worden ist. Doch jede Regel wird von einer Ausnahme bestätigt, so jedenfalls sagt es das Sprichwort!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Midou Grossmann Kritik von Midou Grossmann,


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    Serge Koussevitzky & Boston Symphony Orchestra: Werke von Bartok, Strauss, Stravinsky, Weber

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
14.03.2007
Medium:
EAN:

CD
795754232127


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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