> > > Katrin Scholz: spielt Violinkonzerte von Brahms, Sibelius
Dienstag, 30. November 2021

Katrin Scholz - spielt Violinkonzerte von Brahms, Sibelius

Ausdruckswille und Behäbigkeit


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Temperamentvoll und gradlinig interpretiert Katrin Scholz die Violinkonzerte von Brahms und Sibelius - hat aber im Dirigenten Michael Sanderling nicht den idealen Partner gefunden.

Interpretationen vom Brahms-Violinkonzert gibt es zuhauf. Viele Stargeiger sehen sich regelrecht dazu verpflichtet, Brahms auf CD zu bannen. Doch während die Verkaufszahlen den Plattenfirmen immer wieder Recht geben, ist die künstlerische Rechtfertigung für die Neuaufnahmen häufig schwer zu erbringen. Gerade das Violinkonzert erfordert eine außerordentliche Intelligenz und emotionale Reife, wie sie nicht jedem Geiger gegeben ist. Und nicht umsonst wurde Brahms’ Violinkonzert als ‘Sinfonie mit obligater Violine’ bezeichnet – ein vertrauensvolles, auf Gleichberechtigung beruhendes Verhältnis zwischen Solist, Dirigent und Orchester ist Grundvoraussetzung fürs gemeinsame Gelingen.

Schade, wenn dem Solisten ein namhafter Dirigent zur Seite gestellt wird, der nicht mehr als gepflegte Routine zu bieten hat und dem Geiger gnädig das Feld überlässt. Schade aber auch, wenn ein aufstrebender, talentierter Nachwuchsdirigent mangels Erfahrung und künstlerischen Selbstbewusstseins in ehrfurchtsvoller Zurückhaltung zum Solisten aufschaut. Letzteres ist, so scheint es, bei Katrin Scholz’ neuester Aufnahme mit dem Kammerorchester Berlin unter Michael Sanderling der Fall (Berlin Classics, 2007).

Zugegeben: Die gebürtige Berlinerin Katrin Scholz ist ein Energiebündel, wie man es nur selten findet. Eine Geigerin, die es gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen und naturgemäß viel Raum für sich beansprucht. Für sich genommen ist Scholz durchaus eine vorzügliche Brahms-Interpretin. Sie verfügt über einen wunderbar tragfähigen, kraftvollen Ton und über eine direkte, zupackende Art, die in den Außensätzen zu fesseln vermag. Nur im langsamen zweiten Satz wirkt ihr Spiel eher angestrengt. Man vergleiche beispielsweise, wie traumwandlerisch Arthur Grumiaux hier im Jahre 1958 (gemeinsam mit Eduard van Beinum und dem Concertgebouw Orchester) die Musik kommen ließ und genießen konnte. Hauptkritikpunkt der Aufnahme ist jedoch das Dirigat Michael Sanderlings in den schnellen Sätzen. Die Orchesterexposition des ersten Satzes lässt er in behäbigem Tempo musizieren und reiht musikalische Bausteine aneinander anstatt sie dramaturgisch geschickt zu verknüpfen. Der letzte Satz hingegen ähnelt einer Rhythmus-Studie, die Sanderling mit verbissener Pedanterie inszeniert. Die Solistin agiert wie in einem Käfig, der Charakter des ‘Allegro giocoso’ wird verfehlt. Als vorbildliche Einspielung sei Gil Shaham mit den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado empfohlen (DG, 2000). Zum einen gibt es dort erfrischende Tempi, eine hervorragende sinfonische Balance und einen vorausschauend-flexiblen Dirigenten, der die Musik zum sinnlich-naturhaften Erlebnis macht. Zum anderen ist da das athletisch federnde, offensiv leuchtende Geigenspiel Shahams, das auf berückende Weise Kraft mit Eleganz vereint.

Doch zurück zu Katrin Scholz: Auch das Sibelius-Violinkonzert hat sie eingespielt. Ebenfalls unter der Leitung von Michael Sanderling, diesmal jedoch mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Mit großem Ausdruckswillen, aber eine Spur zu gradlinig und streng kalkuliert geht Scholz zu Werke. Das Rhapsodische, Urwüchsige in dieser Musik kommt meines Erachtens beim Finnen Pekka Kuusisto trefflicher zum Vorschein. Mit einer musikalischen Bandbreite, die von schüchterner Introvertiertheit bis zum strahlenden Triumphieren alle Facetten des menschlichen Fühlens umfasst, vermag er tief zu berühren. Sein Spiel ist großzügig und spontan, in der Höhe souverän schwebend und in der Tiefe rund und abgründig dunkel. Unterstützt wird er vom Helsinki Philharmonic Orchestra unter Leif Segerstam, der die aggressiven, martialischen Elemente der Partitur voll ausspielen lässt (Ondine, 1998). Bei Sanderling dagegen klingt der Orchesterpart deutlich zurückgenommen und im Fortissimo seltsam gedämpft. Solide Disziplin und akademische Artigkeit stehen für ihn hörbar im Vordergrund.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Felix Stephan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Katrin Scholz: spielt Violinkonzerte von Brahms, Sibelius

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
24.01.2007
Medium:
EAN:

CD
782124161026


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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