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Mittwoch, 19. September 2018

exxj (Ensemble XX. Jahrhundert) - Soundscapes 4 advanced

Klanggebirge


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die gesamte Produktion wirft einen interessanten Blick auf das zeitgenössische Schaffen österreichischer Komponisten.

Der Eindruck eines Gebirges stellt sich schon beim Betrachten des Titelfotos von Peter Burwik, dem Dirigent des ensemble exxj ein: ein viergeteiltes Steinrelief, in dem Wasserlinien mäanderartig herunter laufen. Ein symbolisches Bild, das den Inhalt der neuen CD aus dem Gramola Verlag bildlich zusammenfasst: soundscapes 4 advanced. Klanglandschaften, die den Bogen über vier österreichische Komponisten des 20. Jahrhunderts ziehen, vom Schönbergzeitgenossen Fritz Heinrich Klein über Erich Urbanner und Karlheinz Essl zum neuen Szeneliebling Johannes Maria Staud.

Interpreten sind die Musiker des ensemble xx. jahrhundert unter ihrem Leiter Peter Burwik.

Den Anfang macht die 2002 entstandene Komposition Configurations/Reflet von Johannes Maria Staud. Zentraler Punkt in Stauds Werken ist die Problematik von bestimmender Begrifflichkeit und der Veränderbarkeit von musikalischen und gedanklichen Materialien. Deutlich wurde diese Beschäftigung zuletzt in Werken wie „A map is not the territory“ oder dem Incipit-Zyklus. In Configurations/Reflet für acht Instrumentalisten, von denen gut die Hälfte auch Schlagwerk bedient, was einen spannenden klanglichen Effekt bietet, wechseln sich unterschiedliche, kaum fassbare Atmosphären ab, die ständig in neue Zusammenhänge gebracht, zerteilt und neu konfiguriert werden. So entwickelt sich bald eine Eigengesetzlichkeit, die eine „Reflektion“ – so der Titel des Werkes – des musikalischen Materials möglich macht, dessen materielle Autonomie herausstellt. Die Hörerwartung wird dabei immer wieder getäuscht: Ton- und Klangkurven, die sich kaum fortentwickeln, nur in sich veränderlich sind, werden durchbrochen von lauten Ausbrüchen, die sofort minimalisiert werden, quasi sich selbst hinterfragend.

Kontrastierend zu Stauds Werk das „Klavierkonzert“ von Erich Urbanner. Schon der Titel, der im heutigen zeitgenössischen Musikwesen als obsolet verachtet wird, zeigt, dass Urbanner sich keinen stilistischen Zwängen unterordnet. Formal handelt es sich um ein Concerto Grosso, wobei unterschiedliche Instrumente das musikalische Material solistisch entwickeln. Es geht weniger um eine virtuose Parade des Soloinstrumentes, sondern eher um ein Nachvollziehen des konzertanten Prinzips. Das Konzert trägt an vielen Stellen reminiszente Züge: Floskeln des neunzehnten Jahrhunderts, neoklassizistische Wendungen, Übersteigerung von pianistisch-virtuosen Gesten, die immer wieder als sarkastisch-ironische Wegmarken gesetzt werden. Hier zeigt sich auch eine typisch österreichische Ader, denn diese Form der geistigen Anleihe – von Zitat zu sprechen wäre doch zu weit gegriffen – findet man in der gesamten österreichischen Musik seit Bruckner, in Mahlers Sinfonien, und vor allem bei Alban Berg. Am Klavier überzeugt dabei Harald Ossberger, der sich trotz aller instrumentalen Virtuosität dem Kompositionsprinzip Urbanners unterordnet.

„Deviation“ von Karlheinz Essl steht in enger Beziehung zu Stauds Werk – auch ein Hinweis auf die gelungene Programmgestaltung dieser Aufnahme, das die Werke gewissermaßen im Kreuzreimprinzip anordnet. Ein Doppeltrio steht sich gegenüber, zunächst als zwei unabhängige Ensembles, die sich gegenseitig Klangereignisse zuwerfen, die im Laufe des Werkes verschwimmen, ineinander fließen, und zum Ende hin ins Geräuschhafte aufgelöst werden. Wie auch bei Johannes Maria Staud folgen Essls Werke einem Kommunikationsprinzip, das Form bildend für das musikalische Material wird.

Den Abschluss der Produktion bildet das Werk „Die Maschine“ von Fritz Heinrich Klein. Klein entwickelte unabhängig von Schönberg und Hauer eine eigene Zwölftonmethode, die er in diesem Werk durchgängig anwendet. Im Schönbergkreis fand Klein keinerlei Anerkennung, geistige Anleihen an Kleins Gedankenwelt bestritt Schönberg zeit seines Lebens. Nichtsdestotrotz ist Kleins Prinzip des „Mutterakkordes“ – ein zwölftöniger Allintervallakkord – entscheidend für die Entwicklung der modernen Tonsprache geworden. Umso größer also der Verdienst der Ensembles, dieses Werk in einer hervorragenden Aufnahme einzuspielen.

Die gesamte Produktion wirft einen interessanten Blick auf das zeitgenössische Schaffen österreichischer Komponisten. Einen „Nationalstil“ herauszuhören – bei Urbanner findet sich zumindest ein solcher Gestus, eine gewisse Portion wienerischen Charmes – soll dem aufmerksamen Hörer überlassen bleiben. Eine wertvolle Ensembleproduktion Neuer Musik mit einem glänzend aufgelegten ensemble xx. jahrhundert hat er damit aber auf jeden Fall in der Hand!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    exxj (Ensemble XX. Jahrhundert): Soundscapes 4 advanced

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
01.11.2012
EAN:

8003643987839


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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