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Montag, 3. Oktober 2022

Bartok, Bela - Concerto for orchestra

Grosse Moderne für grosses Publikum


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die erste SACD des Philadelphia Orchestra unter Christoph Eschenbach für das finnische Label Ondine ist ein Volltreffer.

Die erste SACD des Philadelphia Orchestra unter Christoph Eschenbach für das finnische Label Ondine ist ein Volltreffer. Von den Tontechnikern wurden umwerfende Klänge auf die Scheibe gebannt, die Monumentalität des farbigen Sounds ist geradezu begeisternd. Dabei handelt es sich um einen Livemitschnitt aus Philadelphia, was die Ehrfurcht vor der hervorragenden Leistung der Tontechnik noch erhöht. Aber nicht nur wegen ein paar bombastischen Klangwirkungen oder sattweicher Pianos ist die SACD eine absolute Kaufempfehlung. Auch das Repertoire ist spannend gewählt, ebenso spannend kombiniert und schließlich auch spannend interpretiert worden.

Im Gedenken

Wäre der Anlass des Stücks nicht so erschütternd, die ,Trauermusik für Lidice’ (Memorial to Lidice) von Bohuslav Martinu gehörte sicher zum Standardrepertoire der Moderne für großes Orchester. Doch leider reicht in dem Fall die Ergriffenheit für die Musik nicht aus, ein äußerlicher Anlass, ein Gedenktag ist normalerweise nötig, um dem Werk im Konzertsaal zu begegnen. Im Mai 2005 war es der 60. Jahrestag des Kriegsendes, der eine Aufführung der unter die Haut gehenden Komposition rechtfertigte. Martinu widmete seine Musik den Einwohnern Lidices, jenes Dorfes bei Prag, das als Vergeltung für das Attentat auf Reinhard Heydrich im Juni 1942 von den Nazis ausgelöscht wurde. Christoph Eschenbach interpretiert das Werk als eine Art tönenden Grabstein oder Stele. Kompositionen dieser Art kennt man in der 2. Hälte des 20. Jahrhunderts von György Kurtág. Tatsächlich macht sich Eschenbachs Version etwas von der Haltung dieser Stücke zu Eigen. Daneben erinnert die Klanglichkeit seiner langsam entwickelten Interpretation an die religiöse Inbrunst eines Arvo Pärt. Unter Eschenbach wird aus der Musik wirklich ein Denkmal, zu dem man ergriffen aufblickt, ohne sich marginalisiert zu fühlen.

Dass die Verfolgung während des NS-Regimes das Thema der SACD ist, offenbart auch die Wahl des zweiten Werks, der ,Partita’ von Gideon Klein. Klein wurde 22-jährig nach Theresienstadt verschleppt. Dort nahm er für drei Jahre, bevor er in den Gaskammern von Auschwitz starb, am regen Kulturleben des Lagers teil. Als Streichtrio entstand dort die Partita, die 1990 von Vojtech Saudek für Streicher gesetzt wurde. Es mag an der Instrumentation liegen, dass sich Kleins Musik als dem Neoklassizismus verwandt zeigt. Vor allem in Italien feierte diese Richtung damals fröhliche Urstände und die dort zu findende, bisweilen streicherlastige spröde Klanglichkeit, oft auf der Grundlage tradierter Motivik (Klein verwendet im nachdenklichen mittleren Variationensatz ein mährisches Volkslied) prägt auch den Stil dieser in ihren Ecksätzen schwungvoll lebendigen Partita.

Faszinierendes Kaleidoskop der Farben

Schließlich reiht sich Béla Bartóks 1943/44 im amerikanischen Exil für den Dirigenten Sergej Koussevitzky geschriebenes ,Konzert für Orchester’ ein in die Reihe der Kompositionen mit Geschichte. Diesmal ist es aber eine hoffnungsvolle, denn was Bartók geschaffen hat, etablierte sich nicht nur im Repertoire als eines der spannendsten und am meisten herausfordernden Werke für ein Symphonieorchester, sondern beendete auch eine lange Schaffenspause des Komponisten. Während der Komposition besserte sich sogar Bartóks angegriffene Konstitution. Christoph Eschenbach formt das Konzert zwingend durch. Er verzichtet dafür auf die Zurschaustellung von Extremen, die ,Soli’ der Orchesterinstrumente werden nicht forciert. Für den Unwissenden demaskiert sich das Stück gar nicht als Konzert für Orchester, sondern ,bescheidet’ sich vielmehr als faszinierendes Kaleidoskop an Farben und Formen, die durch eine geniale Orchesterbehandlung erzeugt werden (man höre nur die gruslige Elegia). Bartók aus Philadelphia schaut durch die amerikanische Brille, die Musik ist alles andere als glatt, aber fürs große Publikum gespielt. Die Begeisterung dieses Publikums kann man nach dem furiosen Finale erfreulicherweise auch hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bartok, Bela: Concerto for orchestra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
15.11.2005
Medium:
EAN:

SACD
0761195107256


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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