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Montag, 16. Mai 2022

Verstorbener Freiburger Musikwissenschaftler vernichtete Nachlass

Musikwissenschaftler Eggebrecht an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt?

Hamburg, . Dem Musikhistoriker Boris von Haken zufolge ist der renommierte Freiburger Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht (1919-1999) im Zweiten Weltkrieg an Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt gewesen. Der Musikhistoriker will herausgefunden haben, dass Eggebrecht als Wehrmachtssoldat einer Feldgendarmerie-Abteilung angehörte, die in den Jahren 1941 und 1942 auf der russischen Halbinsel Krim in Zusammenarbeit mit der SS-Einsatzgruppe D unter Otto Ohlendorf für Massenerschießungen von mindestens 14.700 Juden verantwortlich war. An welcher Stelle Eggebrecht genau tätig war, lässt sich laut von Haken heute nicht mehr genau rekonstruieren. Fest stehe, dass er entweder am Spalier oder direkt am Graben eingesetzt wurde.

Der vor zehn Jahren verstorbene Freiburger Musikwissenschaftler hatte diesen Teil seiner Biografie stets verschwiegen, fälschte seinen Lebenslauf und absolvierte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Universitätskarriere. Eggebrecht studierte sowohl in Berlin, als auch in Weimar, München und Jena. Im Jahr 1951 wechselte er nach Freiburg im Breisgau wo er 1955 habilitierte. Später hatte Eggebrecht unter anderem Positionen an der Universität Erlangen und an der Universität Heidelberg inne. Im Jahr 1961 erhielt der Musikwissenschaftler einen Ruf an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1987 wirkte.

Zu seinen Studenten zählten unter anderem die Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann und Albrecht Riethmüller. Eggebrechts 1991 erschienenes Altwerk "Musik im Abendland: Prozesse und Stationen vom Mittelalter bis zur Gegenwart" steht noch heute in den Bücherregalen zahlreicher Musikliebhaber.

Von Haken setzt sich eigenen Angaben zufolge nun schon seit rund zehn Jahren mit dem Thema auseinander. Eggebrechts Vortrag "Nach Auschwitz" aus dem Jahr 1995 habe ihn stutzig gemacht: Dort stieß er zum ersten Mal auf die Unrichtigkeit biografischer Angaben. Schließlich führten von Hakens Recherchen über Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft München aus den 1960er Jahren in eine stets gut gehütete Vergangenheit des Freiburger Musikwissenschaftlers. Von Haken unterstellt Eggebrecht allerdings keine "Mörderdisposition". Er spricht jedoch von einer "moralischen Last" und von der Auffälligkeit des Totschweigens des Zweiten Weltkriegs im wissenschaftlichen Werk des renommierten Musikwissenschaftlers. Im kommenden Frühjahr will von Haken seine Recherchen in dem Buch "Holocaust und Musikwissenschaft" veröffentlichen.

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