> > > Gericht spricht Regisseur Kirill Serebrennikow schuldig
Donnerstag, 9. Juli 2020

Strafmaß zunächst unklar

Gericht spricht Regisseur Kirill Serebrennikow schuldig

Moskau, . Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow (50) ist von einem Moskauer Gericht der Veruntreuung von Fördergeldern für schuldig befunden worden. Der Fall beschäftigte die russische Justiz seit rund drei Jahren und hatte international für Kritik gesorgt (klassik.com berichtete). Die Höhe des Straßmaßes war zunächst unklar.

Die Staatsanwaltschaft hatte im Vorfeld eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren gefordert. Außerdem sollte Serebrennikow eine Strafe in Höhe von 800.000 (rund 10.300 Euro) Rubel zahlen. Drei Mitarbeiter Serebrennikows, Sofja Apfelbaum, Alexej Malobrodski sowie Juri Itin, waren ebenfalls angeklagt. In ihren Fällen hatte die Staatsanwaltschaft Strafen von vier und fünf Jahren Gefängnis gefordert. Alle Angeklagten hatten bis zuletzt ihre Unschuld beteuert.

2019 wurde Serebrennikow durch ein Gutachten entlastet, trotzdem wurde das Verfahren fortgeführt. Unterstützer kritisieren das Verfahren als politisch motiviert. Die Staatsanwaltschaft wirft Serebrennikow vor, umgerechnet über eine Million Euro unterschlagen zu haben. Zudem gingen die russischen Behörden dem Vorwurf nach, Serebrennikow habe das "7. Studio" gegründet, um Fördergelder in Höhe von umgerechnet 2,84 Millionen Euro zu erhalten. Eine ehemalige Buchhalterin belastete Serebrennikow schwer. Ab August 2017 stand der Regiesseur unter Hausarrest, ab 2019 beschränkte sich seine Ausgangssperre auf Moskau. Trotz der Einschränkungen führte Serebrennikow seine Arbeit weiter fort: So wurde in Hamburg an der Staatsoper seine Inszenierung von Giuseppe Verdis "Nabucco" aufgeführt. Auch in Zürich und Stuttgart liefen nach seiner Verhaftung noch Aufführungen Serebrennikows, zuletzt inszenierte er im März 2020 in Berlin das Stück "Decamerone".

Kirill Serebrennikow wurde am 7. September 1969 in Rostow am Don geboren. Er setzte sich bereits in der Schule mit dem Theater auseinander und führte das Interesse über sein Physikstudium in seiner Heimatstadt hinaus fort. In Rostow war er mehrere Jahre als Direktor eines Amateurtheaters tätig, welches später in eine professionelle Bühne umgewandelt wurde. Ab 1998 arbeitete Serebrennikow auch im Bereich Film, außerdem war er zunehmend international tätig. 2010 erhielt er für seine Inzenierung von "Die toten Seelen" am Lettischen Nationaltheater Auszeichnungen, 2018 wurde sein Film "Leto" bei den Filmfestspielen in Cannes geehrt. Außerdem war Serebennikow als Dozent an der Moskauer Theaterschule angestellt. Ab 2012 war er Leiter des Gogol-Zentrums in Moskau. 2017 begann gegen ihn der Prozess wegen der Veruntreuung staatlicher Gelder.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Bisherige Kommentare:

  1. Strafmaß
    Statt der vom Staatsanwalt geforderten sechs Jahre Haft verurteilte das zuständige Gericht Serebrennikow zu drei Jahren auf Bewährung. Allerdings müssen er und seine zwei früheren Mitarbeiter Alexei Malobrodski und Juri Itin die veruntreuten 1,7 Millionen Euro zurückzahlen. Aus diesem Grund wurden Besitztümer von Serebrennikow beschlagnahmt, darunter eine Wohnung in Deutschland im Wert von 300.000 Euro, Autos, Schmuck und insgesamt 100.000 Dollar.

    Darüber hinaus darf der Regisseur nicht mehr weiter das Gogol Theaterzentrum in in Moskau leiten und bis auf Weiteres nicht mehr in Russland inszenieren. Das Verfahren gegen Sofia Alfenbaum, eine frühere Beamtin des Kulturministeriums, wurde dagegen eingestellt.

    Die Richterin sieht es als erwiesen an, dass Serebrennikow und seine Kollegen zwischen 2011 und 2014 129 Millionen Rubel Staatssubventionen (knapp drei Millionen Euro) gestohlen haben. In der Urteilsbegründung warf sie den Angeklagten vor, 132 Millionen Rubel mittels fiktiver Verträge durch von ihnen kontrollierte Firmen abgehoben zu haben, die sie anschlieend "nach ihrem Ermessen ausgegeben haben".

    Vor Gericht hatte Serebrennikow selbst zugegeben, in der Buchhaltung habe Chaos geherrscht. Trotzdem kündigte die Verteidigung nun an, gegen das Urteil in Berufung gehen zu wollen.
    Redaktion, 28.06.2020, 10:59 Uhr

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Weitere aktuelle Nachrichten:

Nationaltheater Mannheim: Sanierung wird teurer
47 Millionen Euro mehr für Bauarbeiten am Theaterhaus (09.07.2020) Weiter...

Staatstheater Karlsruhe: Intendant auf dem Weg der Besserung?
Peter Spuhler verspricht mehr Transparenz (09.07.2020) Weiter...

Salzburger Festspiele: Erste Covid-19 Infektion
Mitarbeiterin mit positivem Corona-Test (09.07.2020) Weiter...

Unruhe am Staatstheater Karlsruhe
Schwere Vorwürfe gegen Intendant Peter Spuhler (08.07.2020) Weiter...

Theater Ulm trauert um Ex-Intendant
Pavel Fieber stirbt im Alter von 78 Jahren (08.07.2020) Weiter...

Kultur-Veranstaltungen bald teurer?
Brandenburgs Kulturministerin warnt vor steigenden Eintrittspreisen (08.07.2020) Weiter...

Berliner Gericht rehabilitiert Veranstaltungsmanager
Innensenator hatte Mitarbeiter auf Beschwerde Daniel Barenboims hin versetzen lassen (08.07.2020) Weiter...

Eisenacher Bach-Kompositionspreis für Helder Alves de Oliveira
Preis ist mit 4.000 Euro dotiert (07.07.2020) Weiter...

Thomas Jung wird Zweiter beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb
Brite siegt und gewinnt Preisgeld in Höhe von 30.000 Euro (06.07.2020) Weiter...

Neue Studie zur Gesundheitsgefahr beim Chorsingen
Wissenschaftler untersuchen Corona-Ansteckungsrisiken beim Singen (06.07.2020) Weiter...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Cloclo - Nur ein einziges Stündchen

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich