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Samstag, 21. September 2019

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Gutachten zieht keine rechtlichen Maßnahmen nach sich

Festspiele Erl: Gleichbehandlungskommission bestätigt sexuelle Belästigungen durch Ex-Intendant Kuhn

Wien, . Die Gleichbehandlungskommission im österreichischen Kanzleramt, die seit vergangenem Sommer in dem Fall ermittelt, hat den Vorwurf der sexuellen Belästigung bei den Festspielen Erl bestätigt. So stellt die Kommission fest, dass "die von Professor Kuhn getätigten Aussagen und Berührungen […] eine der sexuellen Sphäre zugehörige Verhaltensweise dar[stellen], die die subjektiven Grenzen der betroffenen Frauen überschritten hat und unerwünscht war."

Die Beurteilung unterstreicht damit Anschuldigungen an den ehemaligen Intendanten Gustav Kuhn. Rechtliche Konsequenzen habe die Prüfung nicht, da es sich lediglich um eine Gutachterfeststellung handle. Kuhn ist bereits seit geraumer Zeit nicht mehr als Dirigent und Geschäftsführer der Festspiele tätig (klassik.com berichtete). Dennoch leitete die Kommission das Ergebnis ihrer Beurteilung an das Justizministerium weiter, eine Rückmeldung dazu gab es Medienberichten  zufolge noch nicht. Kuhn und sein Anwalt kritisierten das Gutachten und wollen die Aussagen der Kommission nicht anerkennen, da diese nicht nach rechtsstaatlichen Grundsätzen agiere. Für Kuhn gelte daher noch immer die Unschuldsvermutung.

Gustav Kuhn wurde am 28. August 1945 in Turrach in der Steiermark geboren. Er studierte Dirigieren bei Gerhard Wimberger, Hans Swarowsky, Bruno Maderna und Herbert von Karajan an den Musikhochschulen von Salzburg und Wien. Gleichzeitig promovierte er in den Fächern Philosophie, Psychologie und Psychopathologie. Mit 24 Jahren gewann er den ersten Preis beim Dirigierwettbewerb des ORF, zudem erhielt er die Lilli-Lehmann-Medaille der Universität Mozarteum. Von 1970 bis 1979 war er zunächst Chordirektor und Dirigent am Opernhaus in Istanbul, dann erster Kapellmeister am Opernhaus Dortmund. Zudem gründete er 1974 das Institut für aleatorische Musik in Salzburg und debütierte in den folgenden Jahren an zahlreichen größeren Häusern weltweit. Im Jahr 1979 wurde er Generalmusikdirektor in Bern, anschließend war er von 1983 bis 1985 in gleicher Position in Bonn tätig. In der Folge wurde er zum Chefdirigenten des Teatro dell'Opera in Rom und später zum künstlerischen Leiter des Teatro di San Carlo in Neapel ernannt. Seit 1987 ist er außerdem künstlerischer Leiter des internationalen Gesangswettbewerbes Neue Stimmen und hatte von 1990 bis 1994 die Leitung des Festivals in Macerata inne. 1992 gründete er die Accademia di Montegral in Lucca und 1997 die Tiroler Festspiele Erl. Parallel ist er als Regisseur und Komponist tätig; seine Kompositionen umfassen Orchesterwerke, Messen und Solostücke.

Die Festspiele Erl und ihr damaliger Leiter Gustav Kuhn standen insbesondere im vergangenen Jahr in der Kritik: Blogger Markus Wilhelm hatte durch Artikel über Korruption, Ausbeutung, "moderne Sklaverei", sexuelle Nötigung und Vergewaltigung und Verstößen gegen das Arbeiterschutzgesetz die Diskussion über die Festspiele ins Rollen gebracht. Hinzu kam ein offener Brief von fünf Künstlerinnen, die dem Intendanten sexuelle Übergriffe und Missbrauch vorwarfen. Kuhn legte letztlich seine Tätigkeiten in Erl nieder.

Die Tiroler Festspiele Erl wurden 1997 vom Dirigenten und Regisseur Gustav Kuhn ins Leben gerufen und haben sich seither zu einem internationalen Musikfestival entwickelt. Neben dem Hauptfestival im Sommer findet seit dem Jahr 2012 auch eine Wintersaison in einem eigens dafür errichteten Festspielhaus statt. Dieses wurde von dem Wiener Architektenbüro "Delugan Meissel" entworfen und bietet Platz für 862 Besucher.

Weiterführende Informationen bei klassik.com:

Portrait Tiroler Festspiele Erl

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