> > > Berliner S-Bahn will mit atonaler Musik Kriminelle vertreiben
Samstag, 25. Juni 2022

IngolfBLN, © Berlin - U-Bahnhof Hermannstraße

IngolfBLN, © Berlin - U-Bahnhof Hermannstraße unter CC BY-SA 2.0

Fahrgastverbund zeigt sich skeptisch

Berliner S-Bahn will mit atonaler Musik Kriminelle vertreiben

Berlin, . Die Berliner S-Bahn GmbH will am Neuköllner Bahnhof Hermannsstraße problematisches Bahnhofsklientel mit atonaler Musik beschallen. Der Pilotversuch ist Teil eines neuen Qualitätsprogrammes, mit dem die S-Bahn nicht nur zuverlässiger und pünktlicher, sondern auch kundenfreundlicher werden soll. Die Tonfolgen sollen den Plänen nach dafür sorgen, dass Trinker, Junkies, Dealer und andere Kriminelle sich dem Bahnhof fernhalten. Laut Polizeistatistik werden dort 3.000 Straftaten pro Jahr begangen, Raubtaten, Körperverletzungen, Drogendelikte, Vermüllung. Bundesweit war der hoch frequentierte Umsteigebahnhof u.a. 2016 in den Schlagzeilen, als der Bulgare Svetoslav S. einer Passantin in den Rücken sprang und diese daraufhin die Bahnhofstreppen herunter stürzte. "Als Pilotprojekt werden wir ab September diese Bereiche mit sogenannter atonaler Musik beschallen", so Bahnsprecher Burkhart Ahlert gegenüber der Berliner Zeitung. Musik, die fern von üblichen Melodien und Harmonien ist, die Menschen zum Flüchten animieren soll. "Genau das wollen wir bei dieser Klientel erreichen, damit der Bahnhof wieder für Fahrgäste attraktiver wird", so Ahlert. Die Berliner Verkehrsbetriebe gingen bereits 2010 am U-Bahnhof Adenauerplatz mit Klassik gegen Trinker vor. Allerdings wurde der Test wieder eingestellt, da die Beschallung auch Fahrgäste und die ansässigen Bahnhofshändler nervte. Ist der nun angekündigte Test erfolgreich, könnte die atonale Musik auch an weiteren Problem-Bahnhöfen wie dem Alexanderplatz erklingen.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb steht den Plänen skeptisch gegenüber. Problematisch sei, dass auch reguläre Fahrgäste der S-Bahn die Musik zu hören bekämen. Sprecher Jens Wieseke gab die ohnehin schon hohe Lautstärke Berlins zu bedenken. Gerade an einem Bahnhof wie dem Bahnhof Hermannsstraße ist das Kriminalitätsproblem jedoch groß, weshalb die Deutsche Bahn unbedingt handeln will. Welches Stück im Bahnhof laufen wird und wie laut das Ganze zu hören sein wird, steht noch nicht fest. Sollte sich die Methode jedoch als erfolgreich erweisen, soll sie ggf. auf weitere Berliner Problem-Bahnhöfe ausgeweitet werden, darunter der Alexanderplatz.

Die Idee der Vertreibung ungeliebter Gäste mithilfe von Musik ist mittlerweile mehrfach erprobt. Seit dem Jahr 2000 läuft im Hamburger Hauptbahnhof klassische Musik von Mozart oder Vivaldi, welche als unfreiwillige Beschallung Drogendealer und Junkies vertreiben soll. Auch in Leipzig wird von der Methode Gebrauch gemacht, wenn auch offiziell nur, um das Image der Musikstadt zu unterstreichen. Auch in London wird klassische Musik seit 2003 an vierzig Bahnhöfen genutzt, um jugendliche Straßengangs oder andere problematische Personen zu vertreiben und Vandalismus vorzubeugen. Die U-Bahn in Tokio hingegen nutzt Chopins Klaviermelodien zur Beruhigung seiner Fahrgäste.

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