> > > Das wohltemperierte Klavier
Donnerstag, 18. Juli 2019

Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier


Das Wohl temperirte Clavier.
oder
Preludia und
Fugen durch alle Tone und Semitonia, (also auf allen 12 Tonstufen)
so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlan- (sowohl in Dur)
gend, als auch tertiam minorem oder Re
Mi Fa betreffend. zum (als auch in Moll)
Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen
Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem Stu-
dio schon habil seyenden besonderen
Zeitvertreib aufgesetzet
und verfertiget von
Johann Sebastian Bach.
p.t. Hochf. Anhalt- (pro tempore = zur Zeit, Hochf[ürstlich])
Cöthenischen Capel-
Meistern und Di-
rectore derer
Cammer-Mu-
siquen.
Anno
1722

Bach hebt gleich zu Beginn die Besonderheit der Sammlung hervor: Er komponierte auf jeder der zwölf Tonstufen je ein Präludium mit Fuge und das sowohl in Dur als auch in Moll. Zu Bachs Zeiten waren nicht alle Tonarten gebräuchlich, weil manche aufgrund der vorherrschenden Stimmung der Instrumente unsauber klangen. Man versuchte, diese Unreinheiten auszugleichen, zu "temperieren". Schon 1691 veröffentlichte der Orgelbauer Andreas Werckmeister eine Schrift mit dem Titel: Musicalische Temperatur / oder deutlicher und wahrer mathematischer Unterricht / wie man ... ein Clavier, sonderlich die Orgelwerke, Positive, Regale, Spinetten und dergleichen wohltemperiert stimmen könne. Diese temperierte Stimmung setzte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts allgemein durch und ist auch heute noch aktuell. Nun war es also möglich, in allen 24 Tonarten zu musizieren, auch wenn die alten gängigen Tonarten weiter bevorzugt wurden. Die Tonarten Cis-Dur, dis-moll, Fis-Dur, As-Dur, gis-moll und b-moll finden sich bei Bach nur im Wohltemperierten Klavier, in anderen Werken machte er keinen Gebrauch davon.

Nun zum Werk: Der Musikinteressierte, der zum ersten Mal mit dem Wohltemperierten Klavier konfrontiert wird, ist meist mit dem gesamten Zyklus überfordert. Diese 24 Präludien und Fugen werden dem aufmerksamen Hörer nie langweilig werden, weil man aufgrund der komplexen Anlage der Stücke immer wieder etwas Neues hören kann. Diese Komplexität macht es dem Einsteiger allerdings ebenso schwer, die Musik sofort zu erfassen. Für alle, die mit der Musik Bachs nicht sonderlich vertraut sind, möchte ich sechs Präludien mit den dazugehörigen Fugen empfehlen: Zunächst höre man das erste Präludium in C-Dur, das eine immer gleiche rhythmische Struktur aber wechselnde Harmonien kennzeichnet. Man versteht das Stück, indem man die Spannung und Entspannung innerhalb der Klangverbindungen verfolgt. Charles Gounod komponierte mehr als hundert Jahre später über diese Harmoniefolge die populäre Melodie seiner Meditation "Ave Maria". Die folgende vierstimmige Fuge ist ein Musterbeispiel dieser Gattung und steht in der strengen kontrapunktischen Tradition, die Bach studierte. Sie zeigt darüber hinaus 24 Themeneinsätze und deutet somit auf die 24 Tonarten hin. Ebenfalls verborgen findet man die Signatur Bachs, die er in der ersten Fuge eingearbeitet hat: Das Thema dieser C-Dur-Fuge besteht aus 14 Tönen. Nummeriert man nun das Alphabet und addiert die Zahlen für B (2), A (1), C (3) und H (8), so ergibt sich ebenfalls die Zahl 14. Die Zahlensymbolik in Bachs Werk ist ein vieldiskutiertes Kapitel, aber führt uns hier zu weit vom Thema ab. Das zweite Präludium in c-moll beginnt ebenso wie das erste in fortlaufenden Sechzehntelnoten, doch ist der Charakter hier wesentlich energischer und das Stück formal in einzelne Teile mit unterschiedlichem Inhalt gegliedert. Die verspielte Fuge präsentiert eines der bekanntesten Themen Bachs und ist auch aufgrund der Dreistimmigkeit in ihrer polyphonen Struktur gut zu erfassen. Ebenso wie das c-moll-Präludium ist auch das Präludium in e-moll bereits im Clavierbüchlein für Wilhelm Friedemann zu finden. Dort ist es allerdings wesentlich kürzer und verwendet den Baß als Hauptstimme, während im Wohltemperierte Klavier eine reich verzierte Oberstimme über denselben Baß gesetzt und ein zweiter schneller Teil angehängt wurde. Die Fuge in e-moll ist die einzige zweistimmige, die Bach geschrieben hat und wegen der Chromatik und des Tempos von geradezu aggressivem Ausdruck. Ganz anders dagegen wirkt das Präludium in As-Dur, das die Form und den Ausdruck eines Concerto-Satzes besitzt und einen kraftvollen Auftakt vor der anschließenden eher feierlich wirkenden Fuge bildet. Ein Beispiel für Bachs Vorliebe für das kantable Spiel ist das Präludium in gis-moll, das in seinem Ausdruck anmutig und in der Form streng ist. Die Fuge besitzt durch den aufwärtsgeführten Tritonus ein sehr charakteristisches Thema, das aber ebenso anmutig wie das Präludium ist und mit diesem eine spürbare Einheit bildet. Als eines der schwungvollsten Stücke des Wohltemperierten Klaviers möchte ich schließlich noch das B-Dur-Präludium empfehlen. Es ist ein Stück im Stil der Toccata mit schnellen Spielfiguren und virtuosem Gestus. Die dazugehörige Fuge greift diesen Übermut auf und wirkt nicht nur wegen des Dreivierteltaktes wie ein Tanz. Bach verzichtet auf besondere Fugenkünste, doch wegen ihrer Spielfreude und genialen Einfachheit ist dieses Stück für mich eines der schönsten der ganzen Sammlung.

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