> > > Brandenburgisches Konzert Nr. 5
Freitag, 22. November 2019

Johann Sebastian Bach

Brandenburgisches Konzert Nr. 5


Das fünfte Konzert kann man als erstes Klavierkonzert der Musikgeschichte bezeichnen, wobei man berücksichtigen muß, daß man mit Clavier damals das Cembalo bezeichnete. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Klavier, wie wir es heute kennen, gebaut. Zwar stehen dem Cembalo eine Flöte und eine Violine als Soloinstrumente zur Seite, doch dominiert das Tasteninstrument so deutlich, daß die Bezeichnung Klavier- oder Cembalokonzert durchaus angebracht ist. Später komponierte Bach noch sieben Konzerte mit dem Cembalo als alleiniges Soloinstrument und schuf damit eine Gattung, die in den folgenden hundert Jahren eine herausragende Position einnahm. Ein wesentliches Merkmal dieser Gattung ist die Solokadenz, die virtuose und improvisationsartige Durchführung des thematischen Materials ohne die Begleitung des Orchesters. Das folgende Notenbeispiel zeigt die Cembalostimme des fünften Brandenburgischen Konzerts mit dem Übergang zur Solokadenz in Bachs Handschrift:

Die ersten neun Takte dieses Beispiels werden noch vom Orchester begleitet. Im zehnten Takt (Mitte der Seite) steht das Wort
Die ersten neun Takte dieses Beispiels werden noch vom Orchester begleitet. Im zehnten Takt (Mitte der Seite) steht das Wort "solo" - hier beginnt die 65 Takte lange Solokadenz.

Das fünfte Konzert zeigt im Vergleich mit den anderen Brandenburgischen Konzerten außer der Rolle des Cembalos weitere Besonderheiten: Die Orchesterstimmen sind mit Geige, Bratsche, Cello und Kontrabaß ungewöhnlich besetzt. Es fehlt also die sonst übliche zweite Geigenstimme. Es müssen praktische Überlegungen gewesen sein, die Bach zu dieser Instrumentierung bewegt haben. Bei Aufführungen in Köthen waren nicht nur die Solostimmen, sondern auch die ripieno-Stimmen einfach besetzt, denn die Hofkapelle hatte nicht genug Musiker, um ein wirkliches Orchester bilden zu können. Bach, der auch ein guter Geiger war, übernahm in der Regel eine Geigen- oder auch Bratschenstimme. Da aber nun der Cembalopart in diesem Konzert sehr anspruchsvoll ist, wird Bach selbst ihn wahrscheinlich gespielt haben und stand somit dem Orchester nicht zur Verfügung. Da außerdem ein Geiger den Solopart übernehmen mußte, fehlte eine Geige im Orchester und Bach war gezwungen, sein Werk entsprechend einzurichten. Das Manuskript des Konzertes enthält ferner einige offensichtliche Schreibfehler und Ungenauigkeiten. Bach muß die Partitur in großer Eile geschrieben haben und hatte anschließend wohl keine Zeit, Korrekturen vorzunehmen. Die Musik als solche allerdings ist von höchster Qualität: Der erste Satz beginnt in typisch italienischer Concerto-Manier. Das Thema ist prägnant und die Harmonik einfach. Im Verlauf des Satzes, dessen formale Anlage deutlich kunstvoller als bei den südeuropäischen Vorbildern ist, entwickeln sich Harmonik und Melodik zu einer Vielfalt, die der Komponist allein aus dem Thema ableitet. Kein Komponist des Barock hat das Prinzip "Einheit in der Vielfalt" so beherrscht wie Bach. Zwischen den Soloabschnitten erklingt das Thema in verschiedenen Modifikationen. Einmal ist es nur der Themenkopf, ein anderes Mal dessen Fortsetzung, hier erscheint ein Ausschnitt in der Dominant-, dort in der parallelen Molltonart. Nur am Ende des Satzes ist das Thema noch einmal in seiner ursprünglichen Gestalt zu hören. Der Mittelsatz verzichtet wie bei den meisten Konzerten Bachs auf die Begleitung durch das Orchester und wird hier nur vom Flötisten, Geiger und Cembalisten gestaltet. Sein ruhiger Gestus stellt nach dem vitalen ersten Satz einen Kontrast dar - das Tongeschlecht wechselt von Dur nach Moll, der Tonsatz wird polyphoner und die Melodik ausdrucksvoller. Der dritte und letzte Satz knüpft an die Stimmung des Kopfsatzes an und steigert diese noch durch den ihn bestimmenden Dreierrhythmus.

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