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Dienstag, 10. Dezember 2019

Giuseppe Verdi

La Traviata (1853)



Alexandre Dumas (Sohn)

Unter den vielen Menschen, die 1852 das Stück im Pariser Théâtre du Vaudeville sahen, war auch Verdi. Den Roman schätzte er ohnehin, nun konnte er sich aber auch von der Bühnentauglichkeit des Stoffes überzeugen. Da das Venezianische Opernhaus La Fenice den Komponisten um ein Werk für die Karnevalssaison 1853 gebeten hatte, brauchte Verdi einen neuen Stoff und dachte sicher schon früh an die Kameliendame. Die Tatsache allerdings, dass der Komponist sich lange nicht entschließen konnte und andere Stoffe für Venedig erwägte, zeigt deutlich, dass Verdi zunächst Bedenken hatte. Immerhin entsprach der Stoff ganz und gar nicht der italienischen Konvention. Verdi stand ja deutlich in der Tradition der opera seria, in der die sogenannte Stilhöhenregel galt, d. h. die Hauptpersonen hatten ein moralisch unanfechtbares, idealisiertes Vorbild darzustellen. Eine Prostituierte dagegen, die im Mittelpunkt einer Oper steht und deswegen schon allein aus formalen Gründen deren Heldin ist, war ein schwerer Verstoß gegen diese Regel. Darüber hinaus war die Geschichte der Kameliendame ein Gegenwartsstoff, der auf der Opernbühne unerwünscht war - für die Uraufführung wurde er dann auch ins Jahr 1700 zurückverlegt. Verdi zögerte also zunächst, brachte aber schließlich doch den Mut auf und komponierte die Oper. Der Stoff und die künstlerischen Möglichkeiten, die er bot, reizten ihn einfach zu sehr.

In der Theaterdirektion der Fenice interessierte man sich nicht für künstlerische Innovationen, man wollte weniger in die Musikgeschichte eingehen, als vielmehr den großen, nicht zuletzt auch den finanziellen Erfolg des Rigoletto aus dem Jahre 1851 wiederholen. Der Auftrag aus Venedig bedeutete für Verdi die erneute Zusammenarbeit mit dem dortigen Hausdichter Francesco Maria Piave. Dieser von Verdi geschätzte Librettist taucht in der Biographie des Komponisten immer wieder auf, lieferte unter anderem auch die Textvorlagen für die späteren Opern Macbeth und La Forza del Destino. Die Umarbeitung der Kameliendame zur Oper La Traviata gilt als Piaves beste Schöpfung. Vielleicht hat ihm die schon vorliegende Bühnenfassung von Dumas viel Arbeit abgenommen und der Dichter konnte sich so auf Details konzentrieren, die der Vertonung beste Voraussetzungen boten. Um die Oper vom populären Theaterstück abzusetzen, wählte man auch den neuen Titel, der etwa "Die vom Weg Abgekommene" bedeutet. Aus dem gleichen Grund wurden auch die Charaktere umbenannt: so wurde aus Marguerite Gautier Violetta Valéry und aus Armand Duval Alfredo Germont. Darüber hinaus wurden etliche Szenen und Personen ausgeklammert und das Drama auf die drei Hauptpartien (sprich: die drei Hauptstimmen) konzentriert. So steht oder fällt jede Traviata-Aufführung mit der Besetzung dieser Rollen und besonderes der Violetta - kein Wunder also, dass Verdi gerade in diesem Punkt sehr wählerisch war. Die Direktion der Fenice kannte die neue Oper noch nicht, musste aber, während Verdi daran komponierte, bereits die Sänger für die anstehende Uraufführung engagieren. Verschiedene Namen wurden Verdi vorgeschlagen und von diesem immer wieder abgelehnt. Die Zeit verging schnell, man konnte sich nicht einigen und geriet immer mehr unter Druck. Die Direktion beharrte auf ihrer Besetzung mit der Primadonna Salvini-Donatello in der Hauptpartie. Schließlich äußerte sich Verdi dem Direktor gegenüber unmissverständlich: ... Aber ich erkläre, dass ich, wenn die Oper gegeben wird, keinen Erfolg erwarte, sondern ein vollständiges Fiasko, und so werden die Interessen des Theaters geopfert - das dann seine Schuld wird eingestehen müssen -, mein Ruf und eine große Summe Geldes. Verdi wusste natürlich, wie unkonventionell sein neues Werk war und dass es einer kongenialen Umsetzung bedurfte. Die Salvini war keine schlechte Sopranistin, stand aber zu sehr im gängigen italienischen Opernbetrieb und war es gewohnt, Heldinnen mit kraftvoller Stimme darzustellen. Als sie bei der Uraufführung am 6. März 1853 die Festszenen zu Beginn des ersten Aktes sang, darunter das berühmte Trinklied mit Alfredo, sah noch alles nach einem großen Erfolg aus. Das Publikum bekam ja auch, was es erwartet hatte. Doch als die Darstellung der immer schwächer werdenden Violetta eine gewisse, damals unübliche Sensibilität verlangte, versagte die Primadonna auf ganzer Linie. Augenzeugenberichten zufolge sollen weite Teile des dritten Aktes im Gelächter des Publikums untergegangen sein! Verdi litt wenig darunter. Er glaubte an sein Werk, wusste, dass Theater und Sänger den Misserfolg zu verantworten hatten und sollte schließlich Recht behalten, als die Oper 14 Monate später, in einem anderen Venezianischen Theater (Teatro San Benedetto) einen wahren Triumph erlebte.

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