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Freitag, 14. Dezember 2018

Frédéric Chopin

Etüden (1836)

Die 24 Etüden Chopins (opp. 10 und 25) sind vielleicht die bedeutendste Errungenschaft in der Klaviermusik des 19. Jahrhunderts. Sie eröffnen den Pianisten ganz neue Ausdruckswelten, indem sie bisher unbekannte Spieltechniken vorstellen. Chopin zeigt sich in diesen Werken als großer Entdecker, dessen Suche über neue Technik zu neuer Musik führt.


Etüden als Meisterwerke? Viele Musiker, vor allem angehende, werden zunächst einmal stutzen. Die Etüde wird in der Regel als Übungsstück kennengelernt, ist als solches seit Generationen im Gebrauch und nicht gerade beliebt. Klavierschüler klimpern die C-Dur-Tonleiter durch fünf Oktaven, Geigenschüler trainieren Lagenwechsel, Flötisten Oktavsprünge, Trompeter Naturtöne, Pauker Wirbel ... jeder Musiker versucht, sein Instrument technisch in den Griff zu bekommen. Zu diesem Zweck ist eine Unmenge an Übungsliteratur entstanden und nur zu oft beschränkt sich der Autor einer Etüde auf den technischen Aspekt. Neben den reinen Etüdenkomponisten, meist waren dies Instrumentalisten, gab es zur Zeit der Klassik hervorragende Musiker wie Clementi oder Czerny, die sich in ihren Etüden bewußt auf eine technische Schwierigkeit konzentrierten und den Spieler damit auf die große Literatur vorbereiten wollten. Die klassische Etüde war also keine eigenständige Schöpfung, sondern eher ein "Zubringer" - man übte eine Etüde von Czerny, um dann eine Beethoven-Sonate spielen zu können. In dieser Funktion haben sich Etüdensammlungen wie Gradus ad Parnassum (Clementi) oder Die Kunst der Fingerfertigkeit (Czerny) bewährt und sind bis heute Standard im Klavierunterricht.

Mit der heraufziehenden Romantik erlebte die Etüde eine musikalische Aufwertung. Zunächst waren es vor allem drei Clementi-Schüler, die den neuen Ton der Klavieretüde angaben: Ludwig Berger, Friedrich Kalkbrenner und Johann Baptist Cramer verstanden die Etüde als Übung im Ausdruck und förderten vor allem das lyrische Klavierspiel. Auch andere große Pianisten der Zeit, wie Ignaz Moscheles oder Sigismund Thalberg, schrieben Etüden in diesem neuen Sinne und schließlich waren es auch die ganz großen Komponisten, die diese Form bedienten: Franz Liszt, der sein famoses Klavierspiel als Schüler Czernys entwickelt hatte, schrieb von 1826 bis 1851 seine Etudes d'exécution transcendante, von Robert Schumann erschienen 1837 die Etudes symphoniques. In diesem Umfeld kam auch - und bei diesem Namen wollen wir nun bleiben - Chopin zur Etüde und setzte sich auf seine Art mit der Gattung auseinander. Als früh vollendeter Klaviervirtuose war Chopin bestens mit der Musik seiner Zeit vertraut - so gut, dass er schon als 19jähriger deren Grenzen erweitern konnte. Das Besondere an Chopins Etüden ist die gelungene Synthese aus klassischer Technik- und romantischer Ausdrucksstudie und damit fasst der junge Komponist die entscheidenden Faktoren des Klavierspiels, ja überhaupt des Musikmachens, zusammen. Bemerkenswert ist auch die Ausgewogenheit der beiden Faktoren, denn sowohl technisch als auch musikalisch stellen die Stücke hohe Anforderungen an den Interpreten. In der ersten Etüde (C-Dur) scheint zunächst die Technik im Vordergrund zu stehen. Die rechte Hand eilt in schnellen Akkordbrechungen über die Tastatur, wobei sie sich in kurzen Zeitabständen dehnen und wieder zusammenziehen muß. Der Schwierigkeitsgrad dieser Etüde ist berüchtigt. Als ich unlängst einem Gespräch mit dem Komponisten György Ligeti beiwohnte, kritisierte man den Meister wegen seiner ungemein schwierigen Klavieretüden und meinte, sie seien fehlerfrei nicht spielbar. Seine Antwort: "Wer hat jemals die erste Etüde von Chopin ohne Fehler gehört!" - Diese erste Etüde ist eine technische Übung, ohne Zweifel, aber ihr musikalischer Wert liegt vor allem in den Harmonieverbindungen, eine Eigenschaft, die sie mit dem ersten Präludium des Wohltemperierten Klaviers gemeinsam hat. Chopin unterstreicht diese Gemeinsamkeit sogar, indem er - wie Bach - das erste Stück seiner Sammlung mit einem C-Dur-Akkord in Terzlage beginnt. Im Vergleich der beiden Stücke wird deutlich, wie sich das Klavierspiel innerhalb von 100 Jahren entwickelt hat. Während Bach im mittleren Register des Claviers bleibt, breitet Chopin denselben Akkord über die ganze Tastatur aus, und erzeugt einen besonders brillanten Klangeffekt, der auf den Tasteninstrumenten des Barock noch nicht möglich war - logisch, dass Instrumentenbau und Komposition Hand in Hand gehen. Ebenso zeigt die harmonische Analyse der beiden Stücke, dass die Palette der Klangfarben größer geworden ist, dass Kadenzen verlängert und entlegene Tonarten einbezogen werden. Natürlich darf man hier nicht von einem Fortschritt sprechen - den gibt es in der Kunst nicht - vielmehr äußern sich hier zwei Komponisten in zwei Sprachen, jeder hat dabei etwas Geniales zu sagen.

Ein Sinfoniekonzert im Leipziger Gewandhaus (1846)
Chopin im Salon Fürst Radziwills im Herbst 1829
Gemälde von Hendryk Siemiradzki (1887)

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