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Dienstag, 12. November 2019

Frédéric Chopin

Etüden (1836)


Alle 24 Etüden sind mit einer Spieldauer von zwei bis vier Minuten kurze Stücke. Chopin bevorzugte die kleinen Formen, weil sie sich am besten als Experimentierfeld eignen. Allzu lange wurde Chopin als verträumter Romantiker gesehen, dabei hätte man ihn genauso gut als rationalen Klangforscher vorstellen können, der die Ausdrucksmöglichkeiten des Klaviers auslotet. Lebenslang widmete sich der Komponist dieser Aufgabe auch in seinen Mazurkas, zu denen seine erste und letzte Komposition (op. 68 Nr. 4) zählen. Während die Mazurkas Ausdrucksvariationen des polnischen Nationaltanzes sind, sucht Chopin in den Etüden eine neue Musik über eine neue Spieltechnik. In jeder Etüde widmet sich der Komponist einer technischen Idee, die an sich zwar nicht beeindruckend ist, hinter der aber eine bestimmte künstlerische Absicht steht, die Chopin dann in der Ausarbeitung einer Etüde klar zum Ausdruck brachte. In der vierten Etüde (cis-moll) ist die Idee die vertikale Ausdehnung einer schnellen Tonfolge: die Intervalle innerhalb dieser Tonfolge werden also zunehmend größer. Im ersten Takt bleibt der Komponist bei Sekunden und Terzen, im zweiten kommen Quarte, Quinte, Sexte und Septime hinzu und im dritten stößt die Hand an ihre natürlichen Grenzen, wenn sie mit Hilfe von Zwischentönen die Oktavgrenze überschreitet. Die Absicht dieser sich dehnenden Tonkette ist ein klangliches Crescendo, das dieser Etüde schon in ihrem Keim eine ungeheure Kraft verleiht. Chopin unterstützt diesen Expansionstrieb mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln: mit der Harmonik, mit dem drängenden Tempo (Presto con fuoco), mit der Dynamik, mit der Melik und der Phrasierung. Mit einer Urgewalt bahnt sich das Stück seinen Weg, wird im 47. Takt (von insgesamt 82) noch einmal abgebremst, um noch einmal mit der Wiederholung des ersten Teils zu starten. Am Ende dieser viel gespielten Etüde entlädt sich die Energie in einem klanggewaltigen Cis-Moll-Arpeggio durch alle Oktaven. Zu den bekanntesten Etüden gehört auch die zwölfte, die sogenannte Revolutionsetüde. Chopin soll sie im September 1831, auf dem Weg von Wien nach Paris, in Stuttgart komponiert haben, nachdem er aus Zeitungen von der Niederschlagung des Novemberaufstands in Warschau erfahren hatte. Im November 1830 hatten sich die Polen gegen die russische Besatzungsmacht erhoben, die seit der dritten Teilung (1795) in Warschau regierte. Der Patriot Chopin liebte die Russen ebenso wenig wie seine Landsleute und ersehnte die Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Die Nachricht von der blutigen Niederlage traf ihn tief. Unter diesem Eindruck soll dieses pathetische Werk entstanden sein, das sowohl Wut, Klage als auch Verzweiflung auszudrücken scheint. In Polen wird diese zwölfte Etüde bis heute als ein nationales Denkmal in Tönen geschätzt, aber auch weltweit ist die Revolutionsetüde überaus populär und einleuchtender könnte man nicht belegen, dass Chopin hier letztendlich Musik geschaffen hat - die technischen Hintergründe sind eigentlich nur für die Pianisten interessant.

Chopins Flügel der Marke Pleyel
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