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Montag, 26. August 2019

Hector Berlioz

Symphonie fantastique (1830)


Programm der Symphonie: Ein junger Mann von krankhafter Empfindsamkeit und glühender Phantasie, hat sich in einem Anfalle verliebter Verzweiflung mit Opium vergiftet. Zu schwach, den Tod herbeizuführen, versenkt ihn die narkotische Dosis in einen langen Schlaf, den die seltsamsten Visionen begleiten. In diesem Zustande geben sich seine Empfindungen, sein Gefühle und Erinnerungen durch musikalische Gedanken und Bilder in seinem kranken Gehirne kund. Die Geliebte selbst wird für ihn zur Melodie, gleichsam zu einer fixen Idee, die er überall wiederfindet, überall hört.
Dieses in allen Sätzen präsente Motiv, die idée fixe, ist das wesentliche Merkmal der Symphonie fantastique und ein Markenzeichen des Komponisten Berlioz. Früher hatte jeder Satz einer Sinfonie oder einer Sonate sein eigenes motivisches Material, nur selten kam es vor, dass auf Gedanken vorangegangener Sätze zurückgegriffen wurde (ein Beispiel wäre Beethovens Neunte). Aber noch nie wurde in einer Sinfonie ein Motiv so satzübergreifend verwendet wie in der Symphonie fantastique und Berlioz rechtfertigt dies in seinem Programm, indem er das Motiv mit einem Charakter verbindet, nämlich mit der unsterblich geliebten Frau. Berlioz sprach auch von einer double idée fixe, weil der berauschte junge Mann von zwei Vorstellungen verfolgt wird: vom Gedanken an die Geliebte und von der ihr gewidmeten Melodie. Im Geist des Helden verselbständigen sich also zwei fixe Ideen - pathologisch gesehen eine Herausforderung für jeden Therapeuten!

Erster Satz: Rêveries, Passions (Traumbilder, Leidenschaft) - Zuerst gedenkt er des beängstigenden Seelenzustandes, der dunklen Sehnsucht, der Schwermut und des freudigen Aufwallens ohne bewußten Grund, die er empfand, bevor ihm die Geliebte erschienen war; sodann erinnert er sich der heißen Liebe, die sie plötzlich in ihm entzündet, seiner fast wahnsinnigen Herzensangst, seiner eifersüchtigen Wut, seiner wieder erwachenden Liebe, seiner religiösen Tröstungen.
Es ist schwierig, den ersten Satz mit den Begriffen der klassischen Formenlehre darzustellen. Zwar kannte und bewunderte Berlioz die Sinfonien Beethovens, doch deren im klassischen Sinne vorbildlichen formalen Konstruktionen eiferte Berlioz nicht nach. Der Franzose war, ganz im Gegensatz zu Beethoven, viel weniger an der Architektur musikalischer Formen interessiert. Was er von Beethoven übernahm, waren Effekte wie die rhythmischen Akzente auf unbetonten Taktzeiten oder besondere Klangwirkungen. Berlioz ging es um eine unmittelbare Wirkung der Musik auf das Publikum. Qualitäten einer Komposition, die erst nach gründlicher Analyse hervortreten, waren ihm weniger wichtig. Als grobes Schema für den Kopfsatz der Symphonie fantastique diente wohl die damals vorherrschende Sonatensatzform, die Berlioz aber sehr frei auslegte und um einige Formteile erweiterte. Die vielen Stimmungen (siehe Programmtext) ließen sich anscheinend nicht in die klassische Form mit ihren zwei Themen zwängen. Berlioz brauchte mehr Raum und beginnt die Sinfonie mit einer langsamen Einleitung, setzt dann mit einer Exposition, Durchführung und Reprise fort, fügt dann aber nochmals eine Durchführung und eine kurze Reprise ein und schließt mit einer großdimensionierten Coda (ab T. 439). Die Einleitung entspricht laut Programm der Zeit, bevor ihm die Geliebte erschienen war. Die genannten Gefühle (beängstigender Seelenzustand, dunkle Sehnsucht, Schwermut) bestimmen den Charakter der ersten 63 Takte. Die Molltonart, das langsame Tempo, die gedämpften Streicher und die vielen an das barocke Seufzermotiv erinnernden Halbtonschritte sorgen für eine bedrückende Atmosphäre. Der Eintritt des Haupthemas, der idée fixe, zu Beginn der Exposition bringt dann Bewegung in den Satz. Berlioz spricht von heißer Liebe, die sich plötzlich in ihm entzündet und dieses Entzünden, das Aufflammen der Gefühle scheint das Thema mit seinem über 28 Takte aufstrebenden Tonverlauf zu beschreiben. Auch hier spielen die Halbtonschritte eine wichtige Rolle. Anders als in der Einleitung, wo sie eher klagenden Charakter hatten, setzen sie im Hauptthema mehr Energie frei, sie beschreiben ein Drängen, ein leidenschaftliches Verlangen. Im weiteren Verlauf des Satzes arbeitet Berlioz "nur" mit der idée fixe und daraus abgeleiteten Motiven. Ein zweites Thema exponiert der Komponist nicht - es hätte ja neben der idée fixe auch keine Berechtigung. Der Liebende hat nur die Geliebte im Kopf. Das Hauptthema erscheint allerdings in ganz verschiedenen Varianten, es versucht nicht immer, die Anmut der Geliebten nachzuzeichnen, sondern beschreibt sie auch in eifersüchtiger Wut zu Beginn der 2. Reprise (ab Takt 410). Dem Wahnsinn nahe sucht und findet der junge Held Trost in der Religion. Der Tonsatz am Ende des ersten Satzes macht dies deutlich: Die langen Notenwerte entsprechen der damaligen Vorstellung von alter Kirchenmusik, dazu kommt die typisch sakrale Akkordverbindung von Subdominante und Tonika, auch Plagalschluß genannt. Schließlich schreibt Berlioz noch "religiosamente" in die Partitur, so dass kein Zweifel mehr besteht, dass hier die religiösen Tröstungen gemeint sind. Still endet der Satz. Der Liebende hat fürs erste seine Ruhe wiedergefunden.

Berlioz' Korrekturen im ersten Satz
Bildtitel: Berlioz' Korrekturen im ersten Satz

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