> > > Die Winterreise
Montag, 22. April 2019

Franz Schubert

Die Winterreise


Auch wenn der Winterreise keine wirkliche Handlung zugrunde liegt, so erzählt sie dennoch eine Geschichte. Sie ist nicht nur eine Kette von Stimmungen, sondern auch eine Kette von Rückblicken, die diese Stimmungen hervorrufen. Es gibt in der Winterreise zwei Zeitebenen: Die glückliche Vergangenheit, die Zeit der Liebe, an die sich der Sänger wehmütig erinnert, und nach dem Ende der Liebesbeziehung die unglückliche Gegenwart. Im ersten Lied überschneiden sich diese beiden Ebenen: Der Sänger befindet sich noch mit seiner Geliebten unter einem Dach, es ist Nacht und während das Mädchen schläft, verläßt der Sänger heimlich das Haus und die Stadt. Es ist ein Abschied für immer. Klagend artikuliert der Sänger die berühmten ersten beiden Verse, mit denen die Aufmerksamkeit des Zuhörers sofort auf die unterschiedlichen Zeitebenen verteilt wird: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus. Die folgenden Worte berichten von einem glücklichen Mai, vom Mädchen, das von Liebe sprach, und deren Mutter, die gegen eine Ehe nichts einzuwenden gehabt hätte. Schubert vertont diesen Rückblick in Dur und kehrt nach Moll zurück, als die Worte nun ist die Welt so trübe wieder von der Gegenwart erzählen. Das Schmerzvolle der Winterreise ist das Nebeneinander von Glück und Unglück, das Nicht-Loslassen-Wollen und der Gedanke, was hätte sein können. Aus den folgenden sprichwortartigen Versen erfahren wir auch, warum diese Liebe zu Ende gehen mußte:

Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht,
von einem zu dem andern,
fein Liebchen, Gute Nacht!

Gute Nacht - so auch der Titel des ersten Liedes - ist die letzte Nachricht des Sängers an seine Geliebte, im Vorübergehen schreibt er ihr diese Abschiedsworte an die Eingangstür. Nun beginnt für den Sänger die Reise durch die kalte und starre Winterlandschaft, die zum Abbild seines Gemütszustandes wird. Beim zweiten Lied (Die Wetterfahne) ist das soeben verlassene Haus noch in Sichtweite. Der pfeifende Wind spielt mit der blechernen Wetterfahne auf dem Dach und dem Hin und Her der Fahne entspricht das Auf und Ab des Klaviervorspiels. Schubert verzichtet in diesem Lied weitestgehend auf Harmonien und bevorzugt das Unisono, das in Verbindung mit der spröden Melodik den Eindruck von innerer und äußerer Kälte erzeugt - eine Technik, die Schubert in der Winterreise wiederholt verwendet. In der Wetterfahne sieht der Sänger des Hauses aufgestecktes Schild, ein Symbol für die Flatterhaftigkeit des darunter wohnenden Mädchens. Dass er hier vor einigen Monaten eine treue Frau vermutete, erscheint ihm nun allzu einfältig und er glaubt sich in seiner Naivität vom lauten Knarren und Pfeifen der Wetterfahne verspottet. Im Schlußvers dieses zweiten Liedes erfahren wir noch, dass das geliebte Mädchen die Frau eines reichen Mannes werden wird. In den folgenden beiden Liedern ist der Sänger auf dem Weg aus der Stadt. Gefrorne Tränen fallen von seinen Wangen auf den Boden und erstaunt stellt der tragische Held fest, dass er sein eigenes Weinen nicht bemerkt hat. Im Schnee sucht er nach letzten Spuren des Sommers und seiner Liebe, doch die in Erstarrung versunkene Natur gibt keine Andenken mehr her: Wo find' ich eine Blüte, wo find' ich grünes Gras?. Nur der Schmerz eines erfrorenen Herzens, in dem das Bild des Mädchens starrt, erinnert noch an das Gewesene. Kein Lied der Winterreise wurde so bekannt wie das fünfte: Der Lindenbaum. Neben Friedrich Silcher, dessen einfache Bearbeitung (und Kürzung) zum Volkslied wurde, hat auch Thomas Mann mit einer ausführlichen Betrachtung in seinem Roman Der Zauberberg zur Popularität des Liedes beigetragen. Viele Leser werden die ersten Zeilen schon einmal gehört haben: Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum. Dieses Lied ist sprachlich wie musikalisch sehr kunstvoll angelegt: Zum einen wird eine der beiden Zeitebenen, die Gegenwart nämlich, noch einmal unterteilt: Zu Beginn spricht der Text von der glücklichen Vergangenheit (ich träumt' in seinem Schatten so manchen süßen Traum ...), dann von der nur wenige Stunden zurückliegenden Gegenwart (Ich mußt' auch heute wandern vorbei in tiefer Nacht ...) und schließlich von der Jetztzeit (Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort ...). Verbunden mit dieser Mehrzeitigkeit ist die Mehrdeutigkeit der Triolenbewegung im Klaviervorspiel. Am Anfang imitiert sie mit einem idyllischen Gestus das Rauschen der Lindenzweige - nach all dem vorangegangenen Trübsal ein unerwarteter Lichtblick. Zu Beginn des Mittelteils stehen dann dieselben Noten, Schubert hat lediglich das Tongeschlecht geändert und nimmt dieser Tonfolge damit die Wärme. Hier und im folgenden imitiert das Klavier den kalten und starken Nachtwind, der dem Sänger den Hut vom Kopf weht. Diese Szene findet sich - wie übrigens viele andere Szenen aus Schubert-Liedern auch - auf alten Postkarten:

Die Brunnenszene (Entwurf von Josefine Allmeyer)
Die Brunnenszene (Entwurf von Josefine Allmeyer)

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