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Montag, 25. März 2019

Franz Schubert

Die Winterreise


Solch spießige und prüde Vorgehensweise der Nachwelt ist für Schubert entwürdigender als sein früher und (seelisch) qualvoller Tod selbst. Heute sollte man sich diesem Sachverhalt vielleicht wie folgt nähern: Schubert wird bei einer Prostituierten gewesen sein. Na und? Wir haben weder das Recht zu richten noch irgendwelche Fakten zu verwischen. Sicher, eine Gewißheit wird es niemals geben, dafür eine Unmenge an Vermutungen. Es heißt, Schuberts Freund Schober habe die Lebensweise des Komponisten negativ beeinflußt. Ebenso begegnet man der Theorie, die Freunde hätten für Schubert eine Frau "engagiert", womit Schubert selbst wieder entlastet wäre. Zu hören ist auch, dass die Freunde direkt nach Schuberts Tod Hinweise auf seine Krankheit verschwinden ließen. Sicher ist, dass Schubert zunächst unter seiner Einsamkeit gelitten hat, dieses psychische Leiden führte (wie auch immer) zu einer physischen Krankheit, die ihn schließlich noch einsamer machte. Bereits 1824, zwei Jahre nach der Syphilisinfektion und drei Jahre vor der Winterreise, schrieb Schubert in einem Brief an seinen Freund Kupelwieser: Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt. Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denke Dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu nichte geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts biethen als höchsten Schmerz, dem Begeisterung (wenigstens anregende) für das Schöne zu schwinden droht, und frage Dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist? Diese Zeilen stammen aus einer Zeit, in der Schubert noch mit seinem Schicksal haderte. Etwa zwei Jahre später hatte sich Schubert mit seinem frühen Ende abgefunden und ließ sich sogar durch den drohenden Tod inspirieren. Ein berühmtes Beispiel ist das Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" von 1826, in dessen zweiten Satz Schubert seine Claudius-Vertonung von 1817 noch einmal aufgreift und variiert. Als 1827 die Winterreise entstand, lebte und arbeitete Schubert mit dem Tod, mit der Einsamkeit und mit den Erfahrungen der unerfüllten Liebe. Zunächst war die Winterreise nur ein Zyklus von 24 Gedichten, geschrieben vom Dessauer Lehrer und Bibliothekar Wilhelm Müller. Von Heinrich Heine hoch geschätzt, war Müller nicht irgendein Dichter und doch hätten seine Werke wohl nicht bis in unsere Tage überlebt, wenn Schubert sie nicht vertont hätte. Dabei wünschte sich Müller wahrscheinlich eine Vertonung von Carl Maria von Weber, dem er nämlich den Zyklus widmete und den er in der Zueignung als Meister des Deutschen Liedes bezeichnete. Vielleicht hätte Weber diese Aufgabe noch übernommen, doch der Freischütz-Komponist starb - wie übrigens Müller auch - 1827, genau zu der Zeit, in der Schubert an der Winterreise arbeitete. Nach Die schöne Müllerin war die Winterreise der zweite Zyklus von Müller, der Schubert faszinierte. In den einfachen Worten Müllers sah der Komponist wohl sein eigenes Leiden gespiegelt. In einem Schaffensrausch vertonte er die ersten 14 Gedichte, die er - allerdings nicht in der Müllerschen Abfolge - im Almanach Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823 gefunden hatte. Den ganzen Zyklus lernte Schubert erst im Spätsommer 1827 kennen, als er Müllers Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten las. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten zwölf Lieder schon als Erste Abteilung zusammengefaßt und erschienen als erster Teil der Winterreise am 14. Januar 1828 im Druck (der zweite Teil folgte am 30. Dezember). Nur die ersten fünf Lieder sowie das Schlußlied stehen in Schuberts und Müllers Werk an der gleichen Stelle, ansonsten müßte man, wenn man die originale Abfolge des Dichters wiederherstellen möchte, die Nummern des Schubert-Zyklus wie folgt umstellen: 1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24. Auch wenn dies in verschiedenen Aufführungen schon praktiziert wurde, so ist doch die Reihenfolge Schuberts als die allein gültige anzusehen und in manchen inhaltlichen Aspekten sogar sinnvoller.

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