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Dienstag, 16. Juli 2019

Felix Mendelssohn Bartholdy

Oktett für Streicher


Im Oktober 1821 lernte Felix, gerade zwölf Jahre alt, Goethe kennen. Zelter hatte seinen Ausnahmeschüler mit nach Weimar genommen, um ihn dem - inzwischen 73 Jahre alten - Dichterfürsten und Musikliebhaber vorzustellen. Zelter und Goethe verband eine jahrelange Freundschaft und über den hochbegabten jungen Musiker hatte man sich schon in Briefen ausgetauscht. Aus Mendelssohns Briefen wissen wir, dass er von Goethe sehr herzlich aufgenommen wurde und ihm täglich etwas auf dem Klavier vorspielte. Beeindruckt von der Persönlichkeit des Dichters schrieb Felix am 10. November nach Hause: Daß seine Figur imposant ist, kann ich nicht finden, er ist eben nicht viel größer als Vater. Doch seine Haltung, seine Sprache, sein Name, die sind imposant. Einen ungeheuren Klang der Stimme hat er, und schreien kann er wie zehntausend Streiter. Sein Haar ist noch nicht weiß, sein Gang ist fest, seine Rede sanft. Der Zwölfjährige war bereits mit einigen Werken des Dichters vertraut und schätzte vor allem das Faustdrama. In der Szene "Walpurgisnachtstraum" läßt Goethe das Orchester (mit dem Zusatz pianissimo) zu Wort kommen und dieser die Szene abschließende Vierzeiler inspirierte Mendelssohn zum Scherzo, zum berühmten dritten Satz des Oktetts:

Wolkenzug und Nebelflor
Erhellen sich von oben
Luft im Laub und Wind im Rohr
Und alles ist zerstoben.

Goethes pianissimo nahm Mendelssohn sehr genau und diktiert es den acht Streichern für die Ausführung des ganzen dritten Satzes. Darüber hinaus wollte der Komponist auch der Bezeichnung "Orchester" gerecht werden und vermerkt (wahrscheinlich) deshalb im Manuskript: Dieses Oktett muss von allen Instrumenten im Style eines symphonischen Orchesterwerkes gespielt werden. Pianos und Fortes müssen genau eingehalten und schärfer betont werden, als gewöhnlich in Werken dieses Charakters. Neben diesen Äußerlichkeiten ist es aber die luftige wie geheimnisvolle Stimmung des Scherzos, mit der Mendelssohn Goethes Worte inhaltlich umgesetzt hat. Dieser dritte Satz übte von jeher eine mitreißende Wirkung auf das Publikum aus und mußte bei zahlreichen Aufführungen wiederholt werden. Fanny Mendelssohn war eine der ersten, die dieses Meisterwerk hören konnten. Ihr Tagebucheintrag müßte eigentlich jeden Leser neugierig machen: Und es ist wahrlich gelungen. Mir allein sagte er, was ihm vorgeschwebt. Das ganze Stück wird staccato und pianissimo vorgetragen, die einzelnen Tremulando -Schauer, die leicht aufblitzenden Pralltriller, alles ist neu, fremd und doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt sich so nahe der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte selbst einen Besenstiel zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen. Am Schlusse flattert die erste Geige federleicht auf - und alles ist zerstoben.

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