> > > Die Unvollendete
Montag, 14. Oktober 2019

Franz Schubert

Die Unvollendete


Als die Unvollendete im Dezember 1865 in einem Konzert der "Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stieß das Werk auf breite Zustimmung und vermehrte Ruhm und Anerkennung seines längst verstorbenen Schöpfers. Wie jeder Künstler, so brauchte auch Schubert Zeit, um sich neben den Größen seiner Zeit behaupten zu können. Zeit war aber gerade das, was Schubert nicht hatte und so blieb der geniale Komponist, abgesehen von einigen wenigen Aufmerksamkeiten, zu Lebzeiten ein Unbekannter. Erst nach dem Tod des 31jährigen setzte sich sein Werk durch und neben den schon früh bekannt gewordenen Liedern entdeckte die Musikwelt das kammermusikalische und sinfonische Schaffen Schuberts. Zu einem wahren Triumph wurde 1839 die Uraufführung der Großen C-Dur-Sinfonie unter der Leitung von Mendelssohn in Leipzig, über die Schumann als Rezensent der "Neuen Zeitschrift für Musik" schrieb: Sag ich es gleich offen: Wer diese Symphonie nicht kennt, kennt noch wenig von Schubert, und dies mag nach dem, was Schubert bereits der Kunst geschenkt, als ein kaum glaubliches Lob angesehen werden. Als dann 26 Jahre später die Unvollendete uraufgeführt wurde, zählte man Schubert längst zu den großen Komponisten und sein gesanglicher Stil galt als wesentliches Charakteristikum seiner Musik. Wenn nach ein paar einleitenden Takten Clarinette und Oboe einstimmig ihren süßen Gesang über dem ruhigen Gemurmel der Geigen anstimmen, da kennt auch jedes Kind den Componisten, und der halbunterdrückte Ausruf "Schubert!" summt flüsternd durch den Saal. - so schrieb der Musikkritiker Eduard Hanslick in seiner ausführlichen Besprechung jenes denkwürdigen Konzertes. Johann Herbeck, Dirigent der Uraufführung, hatte sich um das Manuskript der Unvollendeten bemüht, das sich im Besitz von Anselm Hüttenbrenner, eines ehemaligen Schubert-Freundes, befand und das dieser über Jahrzehnte zurückgehalten hatte, so daß es bereits als verschollen galt. Hüttenbrenner (1794-1868) lebte als Komponist in Graz und war 1820 Ehrenmitglied des Steiermärkischen Musikvereins geworden. 1823 wurde auch Schubert, wahrscheinlich durch Hüttenbrenners Initiative, diese Ehrung zuteil und in einem Dankschreiben vom 20. September jenes Jahres kündigte Schubert an: Um auch in Tönen meinen lebhaften Dank auszudrücken, werde ich mir die Freyheit nehmen, dem löblichen Vereine ehestens eine meiner Sinfonien in Partitur zu überreichen. Wie das Manuskript dann nach Graz und in Hüttenbrenners Privatbesitz kam, ist ungeklärt. War mit "eine meiner Sinfonien" von Anfang an die Unvollendete gemeint? Schon mehrmals hatte Schubert die Arbeit an einer Sinfonie abgebrochen, aber stets behielt er die Entwürfe für sich - die Skizzen gelangten erst nach seinem Tod in andere Hände. Warum übergab Schubert die zweisätzige H-Moll-Sinfonie der Öffentlichkeit? Zuweilen stößt man auf die Vermutung, Schubert habe die beiden Sätze als abgeschlossene Einheit betrachtet - eine Vermutung, die ich aufgrund der Tonartverschiedenheit für unwahrscheinlich halte. Zweisätzige und dabei in sich geschlossene Werke finden sich bei Beethoven, wobei aber entweder beide Sätze die gleiche Tonart besitzen (z. B. in der Fis-Dur-Klaviersonate op. 78) oder lediglich im Tongeschlecht unterschiedlich sind, also der erste Satz, als berühmtes Beispiel sei auf die Klaviersonate op. 111 verwiesen: in c-moll und der zweite Satz in C-Dur steht. Die beiden Sätze der Unvollendeten befinden sich aber mit ihren Tonarten h-moll und E-Dur auf zu verschiedenen Ebenen, als daß man in der Stilistik Schuberts von einer Einheit sprechen könnte. Beide Sätze sind allerdings eng miteinander verknüpft und stehen in Form und Gehalt auf höchster Stufe. Immer wieder wurde vermutet, daß Schubert nicht imstande war, die beiden in jeder Hinsicht gelungenen Sätze zu einer viersätzigen Sinfonie zu erweitern und die erhaltenen Ideen zu einem dritten Satz, einem Scherzo in h-moll, scheinen in der Tat als Fortsetzung ungeeignet. Die Sinfonie war also, wie Tonartenplan und Skizzen belegen, viersätzig geplant, doch hatte Schubert nach zwei Sätzen alles gesagt? - unvollendet also die Form, vollendet der Inhalt? Für die Uraufführung hatte man den beiden Sätzen noch ein Presto vivace in D-Dur folgen lassen, das man aus Schuberts dritter Sinfonie übernommen hatte. Der Versuch, die Sinfonie dadurch formal abzurunden, überzeugte nicht und seit der zweiten Aufführung blieb die Unvollendete zweisätzig.

Schuberts autographe Skizze des Trios.
Schubert brach die Arbeit am dritten Satz im Trio ab.

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