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Donnerstag, 18. August 2022

Gioacchino Rossini

Il Barbiere di Siviglia


In den Opern verschiedenster Stile und Epochen erhielt jede Hauptperson eine große Arie, so auch im "Barbier von Sevilla" und ich will mich bei der Betrachtung der Oper auf fünf markante Auftritte beschränken. Die Handlung der Komödie wirkt, wenn man sie zusammenfaßt, etwas verworren, ist aber im Grunde einfach und zeigt altbekannte, wirkungsvolle Elemente wie Liebe, Verwechslung, List und ein glückliches Ende. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Graf Almaviva (Tenor), der sich in die schöne Rosina verliebt hat, ihr nach Sevilla nachgereist ist und mit seiner ersten Arie, der Kavatine "Ecco, ridente in cielo", ihre Aufmerksamkeit erlangen möchte. Bei der Darbietung handelt es sich um ein Morgenständchen, das der Graf unweit vom Wohnhaus seiner Angebeteten zum besten gibt. Zunächst stimmen die Musiker ihre Instrumente, dann beginnt die Kavatine mit einem Orchestervorspiel. Der erste Teil der Arie ist langsam und wirkt mit der einfachen Gitarrenbegleitung sehr volkstümlich. Graf Almaviva hofft, Rosina auf dem Balkon zu sehen und als sie sich zeigt, weicht der getragene erste Teil einem schnellen zweiten, der die Erregung des Grafen spiegelt. Beide Teile sind vom typisch italienischen Belcanto geprägt und ganz auf den Sänger ausgerichtet. Die Begleitung des Orchesters ist einfach, aber effektvoll: es stützt den Gesang mit Harmonien und trägt, wenn der Sänger pausiert, mit sparsamen melodischen Einwürfen zur Gestaltung der Oberstimme bei. Polyphone Satzabschnitte sind in der ganzen Oper nicht zu finden, Rossinis Konzept lautet: Melodie + Begleitung. Es ging dem Komponisten nicht um sublime musikalische Aussagen, sondern um die unmittelbare Wirkung, um den Effekt auf das Publikum und in dieser Hinsicht war Rossini ein Virtuose. Bezeichnend ist die Meinung Beethovens, mit dem Rossini 1822 in Wien zusammentraf: Beethoven schätzte den "Barbier von Sevilla", riet seinem Kollegen aber, bei der Komischen Oper zu bleiben, denn "in anderen Kunstgattungen Erfolge haben zu wollen," so Beethoven zu Rossini, "hieße Ihrem Schicksal Gewalt antun." Rossini versuchte sich später zwar noch in anderen Gattungen, hielt diese Werke aber nur für Gelegenheitsarbeiten und ließ sie nicht veröffentlichen. Ein Streichquartett, eine Sinfonie oder ein Instrumentalkonzert zu komponieren, war für den Italiener nicht interessant. Seine Musikauffassung unterschied sich grundlegend von der seiner deutschen Kollegen, für ihn war die Musik keine autonome Kunst, sondern entfaltete ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit dem Wort, der Bühne und der Schauspielerei. So war dann auch ein Werk für ihn keine unantastbare Schöpfung, sondern vielmehr eine Arbeit, die äußeren Begebenheiten (z. B.: neuen Opernbühnen) durchaus angepaßt werden konnte oder in die er bereits früher komponierte Stücke übernahm, wenn die Zeit nicht ausreichte, neue und nur für dieses eine Werk vorgesehene Musik zu schreiben (siehe Ouvertüre). So wurde übrigens auch die erwähnte Kavatine später mit dem Text "Credo in unum Deum" unterlegt und als liturgische Musik in der katholischen Messe gesungen. Grund für diese Kontrafaktur war die Popularität dieser Kavatine, die auch heute noch zu den bekanntesten Arien des Komponisten zählt. Nicht weniger berühmt ist Figaros Auftritt: Nach einer fulminanten Orchestereinleitung betritt Figaro (Bariton), der Barbier und Alleskönner die Szenerie und stellt sich mit der Kavatine "Largo al factotum" vor. Neben den selbstbewußten Worten des Barbiers gewinnt der Hörer aufgrund der temperamentvollen Musik einen Eindruck von Figaros Natur. Er ist der klassische Barbier, wird eben nicht nur zum Haarschneiden und Rasieren aufgesucht, sondern in allen nur denkbaren Fragen des Lebens konsultiert, ist rund um die Uhr im Einsatz, umringt von Kunden, in der ganzen Stadt und in allen gesellschaftlichen Schichten bekannt und geschätzt. Figaro gratuliert sich selbst zu seinem Glück und ist sich sicher, die schönste Kunst erwählt zu haben, klagt aber gleichzeitig über die enorme Belastung (Uno alla volta - Alles auf einmal). Dennoch ist er mit seinem Schicksal höchst zufrieden. Die musikalische Umsetzung dieses Charakters ist meisterhaft: Bevor Figaro die Bühne betritt, hört man ihn schon im Hintergrund fröhlich singen (La ran la lera), dann - sichtbar auf der Bühne - verkündet er selbstbewußt: Largo al factotum della città (Das Faktotum (lat.: der Alleskönner) der schönen Welt bin ich!). Er ist kein Belcanto-Sänger, denn schließlich kommt er aus dem Volk, sein Gesang ist zwar virtuos, aber dennoch bodenständiger als die verzierten Arien des Grafen oder der Rosina. Im Folgenden berichtet Figaro von seiner Arbeit und steigert sich zunehmend in seine Rolle als oft geforderter Helfer hinein: So imitiert er zum Beispiel die vielen nach ihm rufenden Personen, antwortet dann mal von hier (Figaro qua), mal von dort (Figaro là), mal von unten (Figaro su), mal von oben (Figaro giù) und erweist sich schließlich als fähig, allen Wünschen irgendwie nachzukommen wie die schnelle und virtuose Passage im Schlußteil der Kavatine (Ah, bravo Figaro) beweisen soll:

Autograph Rossinis

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