> > > Streichquartett op. 74
Freitag, 23. August 2019

Ludwig van Beethoven

Streichquartett op. 74


Wie erstmals im vorangegangenen Streichquartett (op. 59 Nr. 3) hatte Beethoven auch in Opus 74 dem Kopfsatz eine langsame Einleitung vorangestellt. Das motivische Material des Hauptsatzes wird nur angedeutet und eine harmonische Eindeutigkeit bewußt vermieden. Erst mit dem Übergang in die Exposition schafft Beethoven klare Verhältnisse: Noch bleibt der Komponist bei der Sonatensatzform für den ersten Satz, dessen Hauptthema zwei sehr unterschiedliche Motive in sich vereinigt. Beethoven selbst sprach von "zwei Prinzipe". Das erste Motiv ist ein staccato artikulierter aufsteigender Dreiklang, der als signifikanter Baustein des Satzes sehr präsent ist und in einer Abfolge von pizzikato ausgeführten Viertelnoten an den Klang der Harfe erinnert. Der so aufgekommene Name "Harfenquartett" stammt nicht von Beethoven, hat sich aber inzwischen Zeit eingebürgert und dient der genauen Bestimmung des Werkes, ohne daß man sich dessen Opuszahl merken muß. Das zweite Motiv ist ein höchst melodischer Gedanke unter einem weit gespannten Bogen. Neben diesen beiden Motiven, die zusammen das Hauptthema bilden, findet sich in der Exposition ein formal großzügig dargestelltes Seitenthema, dessen auffälligstes Merkmal die schnellen Sechzehntelläufe sind. Es erfährt keine eigentliche Durchführung, sondern bleibt auf seine formfunktionale Aufgabe beschränkt. Betrachtet man die zeitliche Ausdehnung der beiden Themen, so wird deutlich, wie sehr der Komponist um ein formales Gleichgewicht bemüht ist: In der Exposition umfaßt das Hauptthema zehn Takte, das Seitenthema dagegen achtzehn, nimmt also den größeren Rahmen ein. Ähnlich verhält es sich in der Reprise. Dafür fehlt das Seitenthema in der Durchführung und in der langen Coda, die - typisch für Beethoven - als zweite Durchführung dient. Dem langsamen Satz in As-Dur liegt eine Rondoform zugrunde, eigentlich die typische Form des Finalsatzes, der in diesem Quartett aber als Variationssatz angelegt ist. Die Rollen sind also vertauscht. Auch wenn der langsame Satz mit seiner klangvollen Melodie wie ein Idyll beginnt, ist das gesamte Stück eher von wehmütigen Stimmungen geprägt, denn oft wird der schöne Gesang von Seufzermotiven und schmerzerfüllter Chromatik elegisch gefärbt. Zweimal kehrt das Hauptthema in variierter Form zurück, zuerst nach einem dunkel klingenden Zwischensatz in as-moll, dann nach einer kantablen Des-Dur-Melodie. Die Seufzermotivik steigert sich in ihrer Intensität, wird aber gegen Ende wieder schwächer, noch einmal erklingt das As-moll-Motiv des ersten Zwischensatzes und leise, nach einem kurzen letzten Aufgebären, geht der Satz zu Ende.

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