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Sonntag, 20. Oktober 2019

Johannes Ockeghem

Missa Prolationum


Die Musik der französischen Spätzeit wird um 1430 von der franko-flämischen Schule abgelöst. In England war der Komponist John Dunstable bereits durch seinen natürlichen Stil zu großem Ruhm gelangt. Auch auf dem Kontinent setzte sich dieser neue und einfache Stil durch, den der Musiktheoretiker Johannes Tinctoris damals wieder als Ars nova bezeichnete. Man begrüßte die "frischen Zusammenklänge" und sprach von einer "contenance angloise" (Martin le Franc). Der um 1400 im Hennegau geborene Guillaume Dufay wurde durch sein umfangreiches Werk, das englische Klangfarbe, französischen Rhythmus und italienische Schlichtheit vereinigt, zum bedeutendsten Komponisten seiner Zeit.

Die zweite Generation und besonders Ockeghem greifen nach den englischen und italienischen Einflüssen wieder auf die französische Tradition zurück. Ihre Musik ist durchdachter und weniger auf sinnliche Wirkung angelegt. Melodik und Rhythmik werden wieder komplizierter und die einzelne Stimme gewinnt im Gegensatz zum akkordischen Denken der ersten Generation an Bedeutung. Die Motette des 14. Jahrhunderts war aufgrund ihrer selbständig geführten Stimmen ein Vorbild für die Komponisten der franko-flämischen Schule, die auch als franko-flämische Vokalpolyphonie bekannt ist und die Unabhängigkeit der Stimmen bis zur fünften Generation stetig weiterentwickelt hat. Diese vom Hörer erlebte Unabhängigkeit erreicht der Meister trotz einer Vielzahl von Regeln, die beim Komponieren zu beachten sind.

Die geistliche Musik stand nun wieder mehr im Vordergrund und neben der Motette zählte die Messe zu den wichtigsten Gattungen. Ockeghem schrieb mindestens 11 vollständige Messvertonungen sowie ein Requiem, das frühste in der Musikgeschichte. Die Missa Prolationum zeigt in besonderer Weise die durchdachte Komposition des Werkes. Ockeghem notiert lediglich zwei Stimmen, wobei durch sogenannte Proportionszeichen, die nur in der damaligen Mensuralnotation möglich waren, die beiden anderen Stimmen festgelegt wurden. Ein einfacher Kreis, der nach dem Notenschlüssel und vor der ersten Note stand, war so ein Proportionszeichen und bedeutete einen Dreiertakt, auch tempus perfectum genannt. Ein Halbkreis verwies auf einen geraden Takt, der als tempus imperfectum galt. Es gab noch eine ganze Reihe von Zeichen, die die einzelnen Längen der Noten definierten und bis heute gebraucht man noch den Halbkreis, um einen 4/4-Takt und den senkrecht durchgestrichenen Halbkreis um einen 2/2-Takt (alla breve) anzugeben. Waren nun also in der Missa Prolationum nur zwei Notensysteme angegeben, die aber zwei unterschiedliche Proportionszeichen zeigten, so entstand durch die sinngerechte Ausführung der Sänger ein vierstimmiger Chorklang. Die Stimmen wurden unterschiedlich schnell gesungen und klangen dennoch perfekt zusammen. Man bezeichnet diese Kompositionsweise als Proportionskanon.

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