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Sonntag, 20. Oktober 2019

Joseph Haydn

Die Schöpfung


Die Schöpfungsgeschichte wird von den drei Erzengeln Raphael (Baß), Uriel (Tenor) und Gabriel (Sopran) geschildert. Raphael beginnt seinen Part mit den berühmten Worten "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", nachdem die mit "Vorstellung des Chaos" überschriebene Orchestereinleitung ihren Abschluß gefunden hat. Das Wort "Anfang" wird auf einem c gesungen und genau dieser Ton steht, wenn auch in verschiedenen Oktaven erklingend, am Anfang der Einleitung. Hier geht es um die Elemente, die sich noch im ungeordneten Zustand befinden, und der Ton c ist nun einmal von elementarer Bedeutung: Die zentrale Tonart des Quintenzirkels ist C-Dur, C ist das Fundament des Orchesterklanges, weil die Baßinstrumente Cello und (fünfsaitiger) Kontrabaß eine C-Saite als tiefste Saite besitzen, und c ist auch in der Höhe eine Grenze, wenn man zum Beispiel an das "hohe c" der Tenöre oder an die höchste Klaviertaste denkt. Nach dem Verklingen dieses ersten lauten Klanges entwickelt sich die Musik: Zunächst weicht die leere Oktave einer kleinen Terz, die mit den Einsätzen der beiden Violinstimmen schrittweise zu einem Vierklang erweitert wird. Neben der Harmonik bildet Haydn ganz allmählich das melodische Element aus. In der ganzen Einleitung erklingt keine Tonfolge, die man als Melodie bezeichnen würde. Haydn konzentriert sich auf das Detail, auf die melische Zelle. Betrachtet man die Tonfolge der ersten Violine (ab Takt 3), so fällt die aufsteigende chromatische Linie auf: Die Geigen setzen auf f ein und setzen die Linie über fis und g zum as fort, wo das kurze melodische Modell wieder fällt. Das wesentliche Charakteristikum, das Aufsteigen nämlich, prägt die gesamte Melodik der Einleitung und zeigt sich nicht nur schrittweise, sondern auch in gebrochenen Akkorden. Ständig sind in irgendeiner Stimme diese aufsteigenden Motive zu hören und vermitteln den Eindruck eines Drängens, eines Aufkeimens, sie lassen das ungeheure Potential der Urmaterie erahnen. Diese "Vorstellung des Chaos" ist vielleicht die größte schöpferische Leistung Haydns, der hier eine abstrakte Vorstellung auf geniale Weise in eine musikalische Form übersetzt. Nach einer Kadenz in dunklem c-moll setzt die biblische Erzählung ein und beschreibt die Welt, die noch "ohne Form und leer" ist. Der Chor singt mit gedämpfter Stimme (sotto voce) vom Geist Gottes, der über den Wassern schwebt. Während Haydn bisher nur dunkle Klangfarben, vorwiegend Moll und eine gedämpfte Dynamik verwendet hatte, kommt es bei der Erschaffung des Lichtes zu einem wahren Klangausbruch. In strahlendem C-Dur erklingt das ganze Orchester, nachdem der Chor im Takt zuvor leise, unbegleitet und unisono gesungen hatte. Mit diesem äußerst starken Kontrast schildert der Komponist das Zusammentreffen von Licht und Finsternis. "Der erste Tag entstand" heißt es in der folgenden Arie des Uriel, die neben ihrem ersten gefälligen Teil auch das Bild der vorm Licht fliehenden Höllengeister enthält. Mit den Worten "Verzweiflung, Wut und Schrecken begleiten ihren Sturz" fällt der Chor in den Sologesang ein, steigert die Dramatik und findet schließlich wieder zum freundlichen Gestus des ersten Teils zurück. In dieser zweiten Nummer steht der Beginn der neuen Welt neben dem Sturz der Höllengeister. Haydn vertont also zwei recht unterschiedliche Bilder in einem Stück und tut dies mit inhaltlich stark kontrastierenden Formteilen. Im Rezitativ Nr. 3 setzt Raphael die biblische Erzählung fort: "Und Gott machte das Firmament, und teilte die Wasser, die unter dem Firmament waren, von den Gewässern, die ober dem Firmament waren, und es ward so." In diesem Rezitativ ahmt der Komponist Stürme, fliehende Wolken, feurige Blitze, Donner, erquickenden Regen, verheerenden Schauer und leichten flockigen Schnee nach. Diese sogenannte Lautmalerei ist keine Erfindung der Klassik oder gar Haydns. Bereits im Barock nutzte man bestimmte klangliche Wirkungen, um meist natürliche Ereignisse darzustellen (siehe dazu auch Vivaldis Jahreszeiten). Die Schilderung von Naturschauspielen war aber ein besonderes Talent Haydns, mit dem er schon im Kindesalter auf sich aufmerksam gemacht hatte. Neben diesem Talent ist es aber auch Haydns satztechnische Meisterschaft in den Fugen sowie seine einfache, verständliche Musiksprache, die die "Schöpfung" zum herausragenden Oratorium der klassischen Epoche macht. In der Arie des Raphael "Rollend in schäumenden Wellen" (Nr. 6) erzielt der Komponist durch die auf- und abwärts laufenden Sechzehntel in der zweiten Violine den Eindruck einer Wellenbewegung. Der große Gestus der Musik, hervorgerufen vor allem durch die großen und akzentuierten Sprünge in der ersten Violine, entspricht der Größe des Meeres. Ganz anders illustriert Haydn den Lauf des Flusses: Zum Text des Sängers "Die Fläche, weit gedehnt, durchläuft der breite Strom in mancher Krümme" erklingt in den beiden Violinstimmen ein kurzes Motiv, das mal hoch mal tief, mal aufwärts mal abwärts gerichtet erscheint - wie kleine Strudel in einer Flußbiegung. Der dritte Teil der Arie ist dem Bach gewidmet, der "leise rauschend" vor sich hin fließt. Auch hier gibt es wieder eine Begleitfigur in der ersten Violine, die nun allerdings leise und beruhigend erklingt und im Gegensatz zu den "schäumenden Wellen" des Anfangs immer im gleichen Register bleibt. Ebenso beeindruckend wirkt die Darstellung der Gestirne im Rezitativ Nr. 12: Die ersten Takte stellen den Sonnenaufgang dar. Das Dunkel - es erklingt zu Beginn nur ein sehr leiser Ton - wird ganz allmählich durch die zunehmende Helligkeit verdrängt. Nach und nach setzen die Instrumentengruppen des Orchesters ein und im zehnten Takt des Rezitativs tönt ein klangvoller D-Dur-Akkord. Der Aufgang der Sonne wird durch eine langsam aufsteigende Tonleiter in den höchsten Stimmen (erste Violine und Flöte) auf ebenso einfache wie wirkungsvolle Weise musikalisch umgesetzt. Der "sanfte Schimmer" des Mondes verlangt dagegen nur einen schwachen Streicherklang und das folgende Tremolo in den Streicherstimmen erinnert an das Glitzern der Sterne. Der erste Teil endet mit dem Chorsatz "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", der zweimal vom Terzett der Erzengel unterbrochen wird.

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