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Donnerstag, 27. Juni 2019

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Tonkünstler-Orchester vor dem Wiener Musikverein, Copyright: Martina Siebenhandl

Tonkünstler-Orchester vor dem Wiener Musikverein, © Martina Siebenhandl

Die Tonkünstler und Alice Sara Ott in Wien

Das längste Scherzo der Welt

In Wiederholung der Freitagsausgabe war das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich im Rahmen seiner Abonnement-Reihe unter Leitung seines Chefdirigenten Yutaka Sado gestern Nachmittag nochmals im Großen Saal des Wiener Musikvereins zu hören. Mit Tōru Takemitsus (1930–1996) zwei Tage zuvor erstmals überhaupt in Österreich aufgeführter Orchesterbearbeitung nach der Musik zum Film 'Nami no Bon' (6. Satz/Finale, 1996) wurde das Publikum auf Japanisch begrüßt. Das kurze, melodisch eingängige Stück gibt den Tonkünstlern Gelegenheit, sich mit wohlig schwelgendem Streicher-Timbre buchstäblich warm zu spielen.

Klare Vorstellung

Solistin des Abends ist Alice Sara Ott in Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37. Ihren Part gestaltet sie von Anfang sehr fokussiert und mit klarer musikalischer Vorstellung. Weich und geschmeidig formt sie die einzelnen Phrasen aus und verleiht sowohl dem markanten Haupt- wie auch den Seitenthemen geschärftes Profil. Lebendig funkelnd gelingt ihr die Ornamentik, in den Bass-Regionen erzeugt sie eine abgerundete Klangfülle. Zwar unterlaufen ihr in der ersten Hälfte der Kadenz des Kopfsatzes ein paar falsche Noten und verwischt dort zu hoch dosierter Pedalgebrauch etwas die Konturen, an der insgesamt gelungenen Interpretation ändert dies jedoch nichts: Im Largo greift sie die melodischen Linien mit inniger Empfindung auf und besticht durch kristallines Pianissimo. Noch etwas zupackender ließe sich das Rondo in Angriff nehmen, Otts Lesart weiß aber auch hier durch soliden Fluss und schlanke Diktion zu überzeugen. Die Tonkünstler erweisen sich als verständige Dialogpartner und pflegen bei allem c-Moll-Pathos einen angenehm schwerelosen Beethoven-Sound. Als Zugabe bedankt Ott sich beim Publikum mit dem – auf ihrem aktuellen Album 'Nightfall' zu findenden – feinfühlig porträtierten 'Lent' der 'Gnossiennes' von Erik Satie.

Strukturelle Übersicht

Für klangliche Dammbrüche bleibt wahrlich nach der Pause in Mahlers Fünfter Sinfonie noch genügend Raum, den das Orchester in vollem Umfang nutzt. Beste Voraussetzungen dafür liefert zum Einstieg schon die makellos intonierte Trompetenstimme. Die sich im Folgenden auftürmenden Klangmassen der ersten Abteilung dividiert Sado stimmlich sauber auseinander. Generell werden die dezidierten Vortragsbezeichnungen konsequent umgesetzt, in der Tat ‚größte Vehemenz‘ wird ausgangs der ersten Abteilung erzielt. Im – in diesem Fall selbstredend nicht vom Komponisten so apostrophierten – ‚wahrscheinlich längsten Scherzo der Welt‘ bleibt die strukturelle Übersicht auch im von Mahler selbst deklarierten ‚Chaos‘ stets gewahrt und findet einen geradlinigen Weg durch den anspruchsvoll gesetzten musikalischen Parcours inmitten der vielfältigen Elemente zwischen rhythmisch-tänzerischer Raffinesse, satzübergreifender motivischer Arbeit und schierem klanglichem Bombast. Zur wohl größten Popularität innerhalb Mahlers Œuvre ist dank seiner Verwendung als Filmmusik das Adagietto gelangt, dessen sich die Tonkünstler mit sinnlicher Klangästhetik ganz nach der programmatischen Intention Mahlers annehmen. Mit distinguiertem Gespür für die sukzessiv aufgebauten, kontrapunktisch durchsetzten Steigerungsparameter wird der Schlussabschnitt der finalen Klimax und Standing Ovations zugeführt.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: Mahler 5

Ort: Musikverein,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Gustav Mahler

Mitwirkende: Yutaka Sado (Dirigent)

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