> > > > > 12.02.2019
Donnerstag, 27. Juni 2019

1 / 2 >

Charles Castronovo als Ruggero, Copyright: Bettina Stöß

Charles Castronovo als Ruggero, © Bettina Stöß

Puccinis 'La Rondine' mit Traumbesetzung in Berlin

Wär' es auch nichts als ein Augenblick

Ja, wir leben in Berlin in einem wahrhaftigen Operettenparadies, um das uns viele internationale Fans des Genres beneiden. Wo man auch hinschaut: überall nur innovative und wegweisende Produktionen. Aktuell laufen solche an drei Orten: der Komischen Oper als Heimat für Oscar Straus und Paul Abraham, am Gorki Theater, wo Mischa Spoliansky und die Kabarettoperette der Weimarer Republik gepflegt wird, und nicht zu vergessen das Tipi am Kanzleramt mit der lokalpatriotischen 'Frau Luna' von Paul Lincke. An all diesen Orten kann man große Stars und Glitzer bewundern. Und viel Spaß haben!

Jetzt kommt dank der Wiederaufnahme von 'La Rondine' an der Deutschen Oper Berlin noch ein vierter Ort dazu, der eine gänzlich andere Seite dieser Kunstform beleuchtet. Nämlich den Versuch Giacomo Puccinis, ein Operettenlibretto von Alfred Maria Willner und Heinz Reichert zu vertonen. Es ist eine typische Sittengeschichte von der gefallenen Frau bzw. Edelkurtisane, die ihren jugendlich-naiven Liebhaber nicht heiraten kann, weil sie weiß, dass die Gesellschaft und seine Familie niemals eine Frau-mit-Vergangenheit akzeptieren würde. Es ist auch fraglich, ob sie selbst in der bürgerlichen Einöde von Ehe und Kindern glücklich wäre. So dass der Traum vom Leben-auf-dem-Lande und von der ewig währenden Liebe letztlich genau das bleibt: ein Traum, aus dem man wieder erwacht und anschließend in die Realität zurückkehrt.

Liebesrausch im Walzertakt

Puccini hat für seine ‚Schwalben‘-Geschichte eine Musik gefunden, die vor allem im zweiten Akt – der in einem Gartenlokal spielt – eine Art Liebesrausch im Walzertakt entfesselt. Ein Rausch, bei dem sich Magda und Ruggero begegnen. Er ist hin und weg von der ‚einfachen unerfahrenen Frau‘, die er glaubt zu treffen, sie genießt die ‚einfache Liebe‘ des Jungen-vom-Lande, die ihr entgegengebracht wird; sie verlässt dafür ihren Geldgeber Rambaldo und die Demi-monde-Freundinnen. Um den Traum der niemals endenden Liebe zu genießen, fast wie bei Rosamunde Pilcher. Gott hab‘ sie selig!

Nur dass es bei Puccini kein Happy End gibt. Magda weiß, dass sie den Heiratsantrag von Ruggero nicht annehmen kann und entsagt. Das wiederum ist dann fast wie bei Arthur Schnitzler. Oder wie beim späten Lehár. Auch wenn Puccini das Angebot für seine Operette bereits 1913 bekam, also lange vor Lehárs tränenreichen Entsagungsstücken für Richard Tauber.

Bilderbuch-Puccini-Tenor

Dass die Deutsche Oper Berlin dieses Puccini-Stück nun ins Programm zurückholte, ist wunderbar. Denn es erweitert das Spektrum und zeigt die vielfältigen Möglichkeiten, wie mit der Gattung ‚Operette‘ zu unterschiedlichen Zeiten umgegangen wurde. Dass die DOB dafür auch noch ein wahrhaft exzellentes Solistenteam aufbietet, macht die Sachen noch besser: Ermonela Jaho als Madga verströmt liebreizende und zarte Spitzentöne, die vor allem ihre berühmte Arie vom 'Liebestraum der Doretta' ('Il bel sogno di Doretta') zum betörenden Erlebnis machen. Charles Castronovo an ihrer Seite ist ein Bilderbuch-Puccini-Tenor, der vielleicht etwas zu erwachsen wirkt für ein unbelecktes Landei, der aber mit Schmelz zu singen versteht. Dazu kommt der stimmlich und darstellerisch grandiose Matthew Newlin als Dichter Prunier und Alexandra Hutton als Möchtegern-Sängerin und Kammerzofe Lisette, die bei ihrem ersten Bühnenauftritt in Nizza gnadenlos ausgebuht wird. Puccini komponiert das genauso gnadenlos aus, und Hutton spielt es sehr komisch zusammen mit Newlin im 3. Akt.

Die Inszenierung von Rolando Villazón evoziert in den Bühnenbildern von Johannes Leiacker und den Kostümen von Brigitte Reiffenstuel den Operettenglitzer der 1920er Jahre – aber das Wirbeln und Sich-verlieren, das man beispielsweise bei Baz Luhrmann in 'Moulin Rouge' oder 'Der große Gatsby' sieht, stellt sich nicht ein. Dazu ist Villazóns Vision vom Walzertakt und der Nacht-von-Paris einfach handwerklich zu bieder gearbeitet. Womit mehr oder weniger der gesamte 2. Akt – bei dem sich Magda und Ruggero in die Arme fallen beim Tanzen – wenig imposant wirkt. Und die Versuche der Statisten und Chorsängerinnen, Charleston zu tanzen, wirken zu Puccinis Musik doch etwas seltsam, weil darin keine Charleston oder sonstige synkopierte Jazzrhythmen vorkommen.

Knistern und Magie

Dem narkotischen Vollrausch, den Jaho & Co. entfachen, steht außerdem das reichlich unsinnliche Dirigat von John Fiore entgegen, der das betörende Parfüm der Partitur und die beschwingt auf Höhepunkte zusteuernden Nummern ziemlich gleichförmig durchlaufen lässt. So dass sich selten Magie einstellt – oder jenes Knistern, dass die Geschichte zum Erlebnis macht. Dieses Knistern bräuchte aber eine Operette unbedingt, und auch ein Puccini-Stück wie 'La Rondine' braucht es dringend. Denn sonst wird es schlicht langweilig. Und das ist der Abend in seiner banal gestrickten Regie über weite Strecken. (Wie die zwei älteren Damen hinter mir kurz vorm Beginn des zweiten Teils bemerkten.)

Dennoch gibt es zwei Momente, die bei mir hängen bleiben werden: das überlebensgroße Nacktbild im Hintergrund, das fast genau dem entspricht, was Lehár in seinem Arbeitszimmer in Bad Ischl als Gemälde an der Wand hängen hatte, um beim Komponieren in Stimmung zu kommen, und der Schluss, wo Magda ihren Liebhaber Ruggero beim Weggehen eine weiße Maske über den Kopf stülpt, so dass er aussieht wie drei andere Herren, die den ganzen Abend pantomimisch über die Bühne gelaufen sind. Offensichtlich hat Madga diese Ausbruchsgeschichte schon mehrmals erlebt, kann aber der Versuchung es nochmal zu versuchen – und wäre es auch nichts als ein Augenblick – nicht widerstehen. Das empfand ich als spannenden Regieeinfall von Villazón, mit dem er aber nicht nennenswert arbeitet im Laufe von zweieinhalb Stunden.

Strauss, Suppé und Millöcker

Trotzdem deckt diese 'Rondine' einen Repertoirebereich ab, den es lohnt kennenzulernen. Die Operetten aus dem 19. Jahrhundert von Johann Strauss, Franz von Suppé oder Carl Millöcker sind aktuell im Berliner Spielplan so gut wie gar nicht präsent (sollte man die vollkommen verunglückte 'Fledermaus' von Rolando Villazón an der DOB mitzählen?). Lehár ist weder mit Früh- noch Spätwerken vertreten, und das obwohl‘s hier drei (!) Opernhäuser gibt. Nicht mal die Neuköllner Oper spielt ihn. Da hätte die DOB für die Zukunft viel Gelegenheit sich zu profilieren, was sie ansatzweise schon mal mit einem Operettenabend mit Klaus Florian Vogt getan hat, wo viel Lehár und Strauss im Angebot war. Immerhin war es schön zu sehen, dass das Parkett und die Ränge der DOB mit so unendlich vielen Schulklassen gefüllt waren und dass die vielen Schüler nach der Vorstellung so angeregt übers gerade Gesehene diskutierten. Diskussion tut gut, gerade bei der Operette.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Kevin Clarke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


La Rondine: Wiederaufnahme der Puccini-Operette

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: John Fiore (Dirigent), Rolando Villazón (Regie), Ermonela Jaho (Solist Gesang), Charles Castronovo (Solist Gesang)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich