> > > > > 18.12.2018
Freitag, 19. Juli 2019

Vladimir Korneev, Copyright: Alfred Morina

Vladimir Korneev, © Alfred Morina

Ein Chanson-Abend mit Vladimir Korneev und Band

'Einer wird kommen...'

‚So sieht der Mann meiner Träume aus, sein Name ist Ralf oder Per. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus, bitte, hören Sie mal her.‘ Das sang einst Nazi-Sirene Zarah Leander und erklärte dann im Refrain von Michael Jary: ‚Er heißt Waldemar und hat schwarzes Haar, er ist weder stolz noch kühn, aber ich liebe ihn. Er heißt Waldemar und der ist kein Star; seine Heimat ist Berlin, aber ich liebe ihn.‘ In der updated Version 2.0 heißt er nun Vladimir, lebt noch immer in Berlin, und er hat definitiv das schönste schwarze Haar, das man sich denken kann. Mehr noch: Es braucht keine Zarah Leander mehr, um ihn mit rauchig-tiefer Stimme besingen zu lassen, er singt einfach selbst. Und zwar so wundervoll gefühlvoll, dass es eine Freude ist. Und dass wegen des abgrundtiefen Timbres sogar eine Zarah neidisch werden könnte.

Die Rede ist von Vladimir Konreev, der mit sieben Jahren aus Georgien nach Deutschland kam, hier beim Bundeswettbewerb Gesang mehrmals gewann (2009 den Förderpreis der Franz Grothe-Stiftung; 2011 und 2013 einen Chanson-Preis). Damals wurde vermutlich die künstlerische Leitung der Bar jeder Vernunft auf den Mann mit der mächtigen Bassstimme aufmerksam, der es so brillant versteht, zwischen russischen, französischen und neuen deutschen Liedern hin- und herzuwechseln, zwischen Piaf-Titeln, Legrand, Dalida, Jazzballaden und eigenen Kompositionen, getextet von Carsten Golbeck, zwischen Romanzen von Pugacheva, Vysotzky and Tariverdijev. Und nicht zu vergessen: Friedrich Hollaender!

Phänomenale Lichtregie

Nun tritt Korneev erstmals im größeren Tipi-am-Kanzleramt auf, und er tut dies ebenfalls zum ersten Mal mit einer eigenen Band bestehend aus Liviu Petcu am Bechstein-Flügel, Tom Auffahrt am Bass, Takashi Perterson an der Gitarre und vor allem der phänomenalen Stefanie John am Cello. Besonders sie gibt mit ihrem intensiven Ton der vibratostarken Stimme von Korneev einen Kontrapunkt, der im Laufe des Abends immer wieder zu einem intimen Zwiegespräch verschmilzt. Und das ist dann kombiniert mit der ebenso phänomenalen Lichtregie ein echtes Ereignis. Diese Kombination von Liedern, Story und Licht haben in letzter Zeit auch Klassiksängerinnen wie Joyce DiDonato für sich entdeckt, die das in ihrer ‚War & Peace‘-Tour sehr aufwendig umsetzt. Bei Korneev erlebt man, wie das ganz selbstverständlich auch in kleinem Rahmen funktioniert und wirkt.

Was mich immer wieder beeindruckte im Laufe des Abends, ist die Art, wie der Bass mit Kitsch und Schmalz spielt. Das war in der deutschen Unterhaltungsbranche einstmals Standard bei Sängern wie Richard Tauber, der damit den Spätwerken von Franz Lehár zu Triumphen verhalf. Als dann die Nazis an die Macht kamen, wurde diese Art des Singens als ‚triefende jüdische Sentimentalität‘ diffamiert. Seither hat sich kaum ein Künstler getraut, zu diesem im Grunde extrem modernen Gesangsstil zurückzukehren: modern deshalb, weil durch die bewusste Überemotionalität ein Bruch in die Musik kommt, eine Form von selbstironischer Dekonstruktion, die den Kitsch goutierbar und intellektuell anspruchsvoll macht. Korneev beherrscht die Kunst der unaufdringlichen Selbstironie perfekt, wenn er mit seinen wilden schwarzen Locken spielt, sich selbst an den Flügel setzt und mit Pathos in die Tasten haut, wenn er plötzlich nach den emotionalen Ausbrüchen von 'Lieb mich' erschöpft stöhnt und auf einer Lautsprecherbox niedersinkt und den Weg aus dem Traumland zurück ins Hier und Jetzt findet.

In den russischen Nummern, von denen ich kein Wort verstanden habe, lädt er mit suggestiver vokaler Gestaltung ein, sich selbst alle möglichen Geschichten zu denken. Ich hätte mir kurz vorm offiziellen Winteranfang kein passenderes Programm vorstellen können als ‚WINTÉЯ‘.

Der Zarewitsch

In einem der besonders melancholischen Lieder wechselte Korneev in einen fast falsettierten Tonfall und ließ die hochgelegenen Phrasen durch den Tipi-Zelthimmel schweben statt zu schmettern (was er auch blendend kann). Da ertappte ich mich dabei, mir Korneev in der Tauber-Rolle des Zarewitsch auszumalen, der vom Soldaten am Wolgastrand singt und fragt, ob die Engel ‚da droben‘ ihn vergessen hätten. Rein optisch wäre Vladimir Korneev sowieso der perfekte Zarewitsch (und spricht russisch), aber auch stimmlich und (!) stilistisch wäre er ein Operettentrauminterpret, der weiß, wie man bekannten Titeln einen individuellen Dreh geben kann – was er mit 'Wenn ich mir was wünschen dürfte' als Zugabe demonstrierte. Für ein ‚Zarewitsch‘-Projekt könnte Korneev auch gleich die Tipi-Hostess Marlene verpflichten, die ihn am Beginn des Abends so charmant ankündigte. Sie wäre zweifelsfrei eine bemerkenswerte Sonja. Und wenn die beiden jemals 'Einer wird kommen' intonieren sollten, wäre das mehr als nur ein vorweihnachtlicher Höhepunkt.

Insgesamt ein fulminanter Abend, der sogar ein paar dezent eingeflochtene Weihnachtslieder enthält, wenn man zwischen Liszts 'Liebestraum' und 'La Boheme' von Aznavour genauer hinhört. Ebenso dezent sind private Geschichten über die Zeit in Georgien und die Flucht vor Gewalt und Krieg eingeflochten, die auch im Tipi-Zelt daran erinnern, dass man dort nicht aus der Welt gefallen ist (glücklicherweise). Und dass Unterhaltungsmusik immer etwas mit Politik und Gegenwart zu tun hat. Das war bei Zarah Leander 1940 so. Und das ist bei Vladimir Korneev 2018 nicht anders.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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