> > > > > 20.05.2018
Mittwoch, 19. Juni 2019

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Jennifer Rivera als ROSINA, Copyright: Monika Rittershaus

Jennifer Rivera als ROSINA, © Monika Rittershaus

Wiederbegegnung mit der Berghaus-Inszenierung

Die Iren in Berlin: Tara Erraught singt Rossini

Diese Woche kamen die Repräsentanten der Irish National Opera nach Berlin. Noch nie davon gehört? Die Operngesellschaft wurde kürzlich erst gegründet und wird finanziert mit Geld der Arts Council, die nach der schweren Finanzkrise Irlands offensichtlich wieder Reserven hat. Zur Stippvisite in Berlin waren Fergus Sheil als Künstlerischer Leiter und Diego Fascati als Executive Director dabei, vor allem aber Mezzosopran Tara Erraught, die im April 2018 in Dublin in der Neuproduktion von 'Le nozze di Figaro' als Susanna zu sehen war. Alle irischen Zeitungen hatten über den neuen Star am lokalen Opernhimmel berichtet, ein Star, der inzwischen auch international Furore macht, inklusive Debüt an der Metropolitan Opera New York. Bei der Berlinveranstaltung – geladen hatte die Irische Botschaft – sang Erraught neben der Susanna-Arie (‚Deh vieni, non tardar‘) auch das 'Cenerentola'-Rondo von Rossini. Mit perfekt fokussierten Koloraturen, charmanter Ausstrahlung und einem fast metallischen Timbre, das mich an die junge Marilyn Horne erinnerte. Kurz: Mein Interesse war geweckt. Und ich wollte mehr von Erraught hören, vorzugsweise Rossini.

Ein Hauch DDR-Retro

Wie sich herausstellte, war Tara Erraught gerade in der Stadt, weil sie an der Staatsoper Unter den Linden im 'Barbier von Sevilla' als Rosina auftrat. Ja, die alte Ruth-Berghaus-Inszenierung aus dem Jahr 1968, mit zeitlos schöner Gesamtausstattung von Achim Freyer. Diese schlichte Schwarz-Weiß-Produktion hatte ich seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen – inzwischen hat Berlin ja etliche neue ‚Barbiere‘ dazubekommen, zuletzt eine slapstickhafte Mobiltelefonversion an der Komischen Oper, deren Wiederaufnahme ich erst unlängst sehen durfte. Nun also: zurück zu Berghaus, zur 368. Aufführung dieser Inszenierung.

Was mich verblüffte, war, wie zeitlos elegant und überzeugend diese Commedia-dell‘Arte-Inszenierung noch immer aussieht. Wahrhaft atemberaubend modern, mit einem Hauch DDR-Retro. Die weitgehend leere Bühne ist so angelegt, dass sie den Solisten maximalen Raum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeiten gibt. Zuletzt hatte ich den 'Barbier' dort mit Jennifer Larmore und Dmitri Hvorostovsky erlebt und kann nur sagen: Damals flogen die Fetzen, dass es eine Freude war. Die Solisten 2018 waren anfangs nicht ganz so fetzig, es dauerte, bis die Aufführung in Fahrt kam. Dimitri Korchak als strahlender Graf Almaviva setzte zwar früh einen Lichtblick, der Figaro von Tassis Christoyannis klang aber etwas dumpf, war jedoch viel besser als seine Komische-Oper-Konkurrenz – im Sinn von klassischem Rossini-Gesangsstil.

Doch dann kam Tara Erraught mit 'Una voce poco fa' auf die Bühne, und das Ganze schaltete einen Gang hoch. Denn: Die junge Irin hat eine auffallend quirlige Bühnenpräsenz und lässt die Rossini-Läufe mit einer Leichtigkeit dahinperlen, dass es eine Freude ist. Zwar besitzt sie in der Höhe wenig Durchschlagkraft im Forte, dafür sind ihre leicht genommenen Spitzentöne schwebend und wohltönend. Zusammen mit dem genialen Buffo Renato Girolami, der einen auftrumpfenden Dr. Bartolo gab, schmiss Erraught die Show. Ein Comedy-Duo wie aus dem Bilderbuch.

Überschäumender Witz

Absolutes Highlight war für mich die Gesangsstundenszene im 2. Akt, die vor Witz und Bravour geradezu überschäumte. Auch dank der tatkräftigen Unterstützung von Korchak als verkleidetem Gesangslehrer. Nach dem finalen Rondo – das seltsamerweise auf eine einzige Strophe zusammengestrichen wurde, obwohl man laut Programmheft die Kritische Ausgabe von Alberto Zedda spielt – wurde Tara Errraught bejubelt. Sie kehrt kommende Spielzeit als Donna Elvira nach Berlin zurück, dazwischen singt sie viel an ihrem Stammhaus in München. Weitere Auftritte mit der Irish National Opera sind seltsamerweise nicht geplant. Dort läuft bei der großen Opern-PR-Tour, die 2018 durchs ganze Land reist, auch kein Rossini, dafür ein ziemlich bunt zusammengewürfeltes Programm bestehend aus 'Powder Her Face' (Adès), 'Orfeo ed Euridice', 'The Second Violinist' (Dennehy/Walsh), 'Hoffmanns Erzählungen', 'Blaubart' (Bartók) – und 'Aida'. Ob das die Iren dauerhaft von den Freuden der Kunstform Oper begeistern wird, muss sich zeigen. Und ob die Irish National Oper sich international neben dem Wexford Festival etablieren wird, muss man ebenfalls abwarten.

Tara Erraught hat sich für mich jedenfalls nachdrücklich als Rossini-Sängerin empfohlen, auch wenn sie mit Daniel Cohen am Pult der Staatskapelle eine eher verhaltene Begleitung hatte, wo es bei diesem Stück doch vor allem um knackige Akzente und übersprudelnde Stimmung geht. Trotzdem: Ein toller Abend und eine perfekte frühsommerliche Belcanto-Unterhaltung in einer Inszenierung, die den Berlinern hoffentlich noch lange erhalten bleibt. Apropos Berghaus: Ihre nicht minder legendäre Inszenierung von 'Pelléas et Mélisande' kehrt im Mai ebenfalls zurück, mit Rolando Villazón und Marianne Crebassa, Barenboim dirigiert. Wie's scheint, besinnt man sich Unter den Linden gerade auf seine Klassiker. Was durchaus zur Aura des Hauses passt.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Der Barbier von Sevilla: Mit Tara Erraught von Irish National Opera

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Staatskapelle Berlin (Orchester), Ruth Berghaus (Regie)

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